Als die Hirten in der Weihnachtsnacht auf den Feldern bei ihren Schafen sind, sehen sie plötzlich, wie der Himmel auf die Erde herabkommt. Mitten unter ihnen stehen Engel, die ihnen die Geburt des Erlösers verkünden. Diese Szene hat KünstlerInnen immer wieder herausgefordert. Wie stellt man es dar, wenn der Himmel offen ist und die ganze himmlische Herrlichkeit auf der Erde sichtbar ist? Am einfachsten ist die figürliche Darstellung von Engeln. Aber wie sehen Engel aus? Haben sie Flügel, mit denen sie die unüberwindliche Distanz zwischen Himmel und Erde überbrücken?
Bilderweltarchiv 2022
Die Autobahnkirche Baden-Baden bietet dem Auge des Betrachters viele Anregungen. Diese Darstellungen in Beton, Glas und Email regen zum Nachdenken an. Wir werden in loser Folge auf unserer Homepage einige Bilder vorstellen und mit einer kleinen Betrachtung Denkanstöße geben. Wenn es dazu führt, das Original zu betrachten, dann freuen wir uns darüber. Denn das Gesamtkunstwerk »Autobahnkirche« ist dazu da, dass man mit ihm in Kontakt kommt.
Gesund und heil
Es ist eine Sehnsucht aller Menschen, möglichst gesund zu sein und vor Schaden bewahrt zu bleiben. Sie investieren viel Energie und Geld in diese Sehnsucht. Neben gesunder Ernährung, Sport, verschiedenen Hilfsmitteln und Medikamenten verspricht man sich von religiösen Praktiken viel, um dieses Ziel zu erreichen. In dieser Haltung steckt auch eine tiefe Sehnsucht nach Heil-Sein. Vielleicht besteht darin eine der größten Versuchungen der Menschheit. In den Fenstern der Ostseite der Autobahnkirche sehen wir die drei Versuchungen Jesu. In der zweiten wird Jesus vom Teufel auf die Mauer des Tempels gestellt. Er solle sich doch hinabstürzen, denn die Engel werden ihn auffangen, so steht es in der Heiligen Schrift. Jesus antwortet darauf, dass man Gott nicht auf die Probe stellen soll. Diese kleine Geschichte zeigt, wie wir mit der Sehnsucht nach Gesundheit umgehen können.
Glauben und Wissen
Manchmal stößt man bei den vielen Bildern der Autobahnkirche auf solche, die man sich auf den ersten Blick nicht erklären kann. Ratlos steht man davor und braucht eine Weile, bis sie sich erschließen und man eine Spur findet, wie sie gedeutet werden können. So ist es auch mit dem Doppelgesicht an der Haupttreppe, das man sieht, wenn man die Kirche verlässt. Die beiden Gesichtshälften blicke in entgegengesetzte Richtungen, als wäre nur jeweils eine Sichtweise möglich. Entweder - oder. Das linke Gesicht blickt nach unten auf die Erde und es trägt eine Brille, das sichere Zeichen, dass wir es hier mit einem Gelehrten zu tun haben. Er schaut auf das Irdische, er erklärt sich die Welt, so wie sie erscheint. Die Brille ist gewissermaßen das Vergrößerungsglas, mit dem er allem auf den Grund geht. Dieses Gesicht beschreibt die eine Seite unseres Wesens, die neugierig auf die Welt schaut und nach Wissen strebt.
Ungleiche Brüder
In der Bibel finden sich immer wieder Geschichten von Brüderpaaren. Diese sind sich meist nicht grün und stehen in großer Konkurrenz zueinander. Einer will den anderen überflügeln. Es geht dann darum, die Anerkennung des Vaters zu bekommen oder die Gunst Gottes zu erfahren. Nicht nur in der Bibel finden sich solche Geschichten, in der Weltliteratur taucht dieses Thema immer wieder auf. Ein Brüderpaar aus dem Ersten Testament sticht heraus, denn bei ihnen geht es vordergründig nicht um Konkurrenz. Wir finden eine Darstellung der beiden an der Südtreppe der Autobahnkirche. Emil Wachter stellt dort Mose und Aaron, die sich zwar gegenüber stehen, sich aber auch ergänzen. Mose erhält den Auftrag sein Volk in die Freiheit zu führen, er weiß um seine Schwächen, dass er kein großer Redner ist und immer wieder zur Unbeherrschtheit neigt. Aaron ist der wortgewandte der beiden und der Feingeist der beiden, aber eher zurückhaltend.
Der Thron ohne Namen
Ein Thron gehört zum Selbstverständnis eines Herrschers und einer Herrscherin. Er ist eines der Zeichen, das die Kontinuität der Herrschaft darstellt. Auf dem Thron haben schon andere vor ihm oder ihr Platz genommen, oft auch aus anderen Dynastien. Der Thron wird auch den Nachfolgerinnen und Nachfolgern dienen. Throne werden für Königinnen und für Könige aufgerichtet, auf ihnen sollen Göttinnen und Götter Platz nehmen und sie dienen auch religiösen Oberhäuptern als Zeichen ihrer Macht und Herrschaft. Nicht selten haben diese Throne einen besonderen Namen, der oft einen Bezug zum besonderen dieser Herrschaft hat. Einige der bekanntesten Throne sind der Pfauenthron der persischen Herrschergeschlechtes oder der Chrysantementhron des japanischen Tenno.
Verlorene Perspektiven
Schwarzweiß und in einer Brutalität, die ihresgleichen sucht, stellt Emil Wachter in der Fensterreihe im Norden der Autobahnkirche den Kindsmord von Betlehem dar, wie ihn Matthäus beschreibt: »Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, wurde er sehr zornig. Er befahl, in Betlehem und Umgebung alle kleinen Jungen zu töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach der Zeitspanne, die er aus den Angaben der Sterndeuter entnommen hatte.« Matthäus 2,16, Übersetzung Gute Nachricht). Diese Darstellung birgt einige Betrachtungsmöglichkeiten. Da ist zum einen Herodes, der diesen unmenschlichen Befehl gegeben hat. Wieviel Angst, wieviel Hass ist notwendig, damit er diese Gewalttat befehlen kann? Da sind die Soldaten, die diesen Befehl aufs Grausamste ausführen. Was treibt sie zu dieser unmenschlichen Gewalt an?
Aufs Wesentliche reduziert
Was ist der Kern der frohen Botschaft? Diese Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich Darstellung am Altar in der Autobahnkirche sehe. Zwei Unterarme mit Händen, betend oder segnend ausgebreitet, und ein freundliches, zugewandtes Gesicht. Die Botschaft, die so verkündet wird, könnte lauten: »Gott sieht dich freundlich an, du bist willkommen, du bist gesegnet.« Das ist das Wesentliche der christlichen Botschaft. Man kann es auch etwas weiter fassen, wenn man diese einladende Haltung ernst nimmt: »Hab keine Angst. Ich bin bei Dir!« Das ist auch die Botschaft, die jede Religion vertritt, die den Menschen Hilfe an die Hand gibt, das Leben zu bestehen. Das ist das Tröstliche, ja das ist wirklich frohe (und befreiende) Botschaft, die nicht nur das Christentum verkündet.
Wie wirklich ist Gott?
Ein Thron ist ein wichtiges Zeichen für Herrschende. Wer darauf Platz genommen hat, kann einen Herrschaftsanspruch erheben und von den Untertanen Gefolgschaft verlangen. Zeiten, in denen Throne unbesetzt waren, galten oft als schwierig, weil darum gestritten und Kriege geführt wurden. Meist war das dann der Fall, wenn kein Nachfolger bekannt war, weil das Herrschergeschlecht, das den Thron weitervererbt hatte, ausgestorben war. Wer auf dem Thron saß, konnte herrschen, er oder sie hatte die Macht, zu wirken. Und wenn der Thron leer ist, ist auch die Macht unwirklich, sie wirkt nicht mehr. Wenn der Thron Gottes in der Autobahnkirche im Nordfenster leer ist, dann kann man daraus schlussfolgern, dass auch Gott unwirklich ist, dass Gott die Wirksamkeit verloren hat.
Klagende Rahel
Es gibt Darstellungen in der Autobahnkirche, die verstören und lassen das Herz bluten. Dazu gehört auf jeden Fall die trauernde, weinende, vor Schmerz schreiende Rahel an der Westwand der Krypta. Als Herodes nach der Darstellung im Matthäus-Evangelium alle kleinen Knaben töten lässt, um den verheißenen Messias zu vermeiden, stürzt er viele Familien und ihre Mütter ins Unglück: »Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, wurde er sehr zornig. Er befahl, in Betlehem und Umgebung alle kleinen Jungen zu töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach der Zeitspanne, die er aus den Angaben der Sterndeuter entnommen hatte. So sollte in Erfüllung gehen, was Gott durch den Propheten Jeremia angekündigt hatte: ›In Rama hört man Klagerufe und bitteres Weinen: Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen; denn sie sind nicht mehr da.‹« (Matthäus 2,16-18, Übersetzung Gute Nachricht)
Die dunkle Seite der Macht
Wie soll man mit der Macht, die Menschen in Händen haben, umgehen? Gibt es eine für alle verbindliche Maßgabe? Das ist schwierig und die meisten Geschichten, die erzählt werden, drehen sich nach der Liebe um das Thema Macht und Missbrauch der Macht. In Romanen und Filmen, in Opern und Theaterstücken ist die Frage, wie die Macht von einer hellen zu einer dunklen Seite kippt, ein wichtiges Gestaltungselement, das uns interessiert und fesselt. Macht fasziniert, weil man, wenn man sie hat, gestalten kann. Macht hilft dabei, kreativ und schöpferisch tätig zu sein. So verstanden bringt sie die Menschen weiter und eröffnet allen diese Möglichkeiten. Wenn sie aber dazu eingesetzt wird, die eigenen Interessen bedingungslos durchzusetzen, dann stellt sie sich mehr und mehr auf die dunkle Seite.
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