Im hohen Alter hat sich für Abraham noch ein lang gehegter Wunsch erfüllt. Endlich konnte er seinen Sohn Isaak, den er zusammen mit Sarah gezeugt hat, in die Arme schließen. Auf dieser Darstellung am Abraham-Tor sehen wir ihn, wie er seinen Jungen fest an sich drückt. Er herzt ihn, wie man so schön sagt, er drückt ihn an sein Herz, so wie es Eltern mit ihren Kindern tun. Das späte Glück ist für Abraham und für Sarah die Erfüllung ihrer Lebensträume. So verwundert es nicht, dass dieses Kind mit Liebe überhäuft wird. An der Autobahnkirche sehen wir noch andere Elternbilder, meist ähneln sie diesem. Aber es ist auch der Sohn, den Abraham bereit ist zu opfern, um zu beweisen, dass er zu Gott und dessen Verheißung steht. Diese innige Umarmung steht im krassen Gegensatz zur Verzweiflung des Abraham, die ihm scheinbar keine andere Wahl lässt.
Bilderweltarchiv 2024
Die Autobahnkirche Baden-Baden bietet dem Auge des Betrachters viele Anregungen. Diese Darstellungen in Beton, Glas und Email regen zum Nachdenken an. Wir werden in loser Folge auf unserer Homepage einige Bilder vorstellen und mit einer kleinen Betrachtung Denkanstöße geben. Wenn es dazu führt, das Original zu betrachten, dann freuen wir uns darüber. Denn das Gesamtkunstwerk »Autobahnkirche« ist dazu da, dass man mit ihm in Kontakt kommt.
Spiel mit mir!
Ganz versteckt am Abraham-Tor sehen wir einen nicht ganz vollständigen Mühleplan. Er befindet sich beim reichen Prasser, der in der Hölle schmort und dem Bettler Lazarus, der im Himmel in Abrahams Schoß die Seligkeit erlebt. Da stellt sich die Frage, ob es hier um ein Spiel geht, denn wenn es um das ewige Leben geht, dann ist es doch sehr ernst. Zumindest haben es viele Religionen, nicht zuletzt die christliche mit größter Ernsthaftigkeit verbunden. Man muss die ewige Seligkeit anstreben und mit aller Kraft das Ziel »Ewigkeit bei Gott« verfolgen, ansonsten bleibt nur ewige Verdammnis. Die beiden Gestalten des Lazarus und des Prassers führen die beiden Möglichkeiten vor Augen. Und wenn es nun doch ein Spiel ist? Wenn es darum geht, dass die Glücklichere, der Geschicktere gewinnt? Nein, so kann es nicht gehen, das wäre ja ungerecht, denn im Spiel geht es ja nicht um Gerechtigkeit, sondern eher um Glück, Schicksal oder Zufall. Daran kann man das ewige Leben doch nicht festmachen.
Ewiger Streit
Ziemlich versteckt und an einem Ort, an dem man es nicht erwartet, sehen wir beim Mose-Turm zwei streitende Menschen, die durch eine dicke Linie voneinander getrennt sind. Wir sehen sie auf dem Körper des Goldenen Kalbes, das unter dem Baldachin des Moses-Turmes steht. Diese beiden stehen für die Auseinandersetzung, die seit Jahrtausenden darum geführt wird, was wirklich wichtig ist und wie dem, was als göttlich anerkannt wird, die richtige Verehrung zuteil werden kann. Es ist ein erbitterter Streit, der hier ausgetragen wird, denn es geht um grundsätzliche Lebenseinstellungen, bei denen sich am Ende auch die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt.
Das hältst du nicht auf
Es ist kaum zu erkennen, weil der Beton in den letzten über vierzig Jahren etwas gelitten hat und die Algen und anderer Staub ihr Übriges dazu beigetragen haben. Man kann schemenhaft zwei Hände erkennen zwischen einstürzenden Steinblöcken und Feuerszungen. Es geht um die Zerstörung von Sodom und Gomorrha. Abraham hatte versucht, mit Gott zu handeln, ob er nicht Gerechte findet, damit das Urteil über diese Stadt nicht vollstreckt wird, doch es hilft alles nichts, die beiden Städte werden zerstört und sind zum Beispiel für Verkommenheit und Unzucht geworden. Die Laster haben keine Zukunft, diejenigen, die sie leben und mit ihnen leben, werden vernichtet. So einfach ist das!
Von Engeln gerettet
Im Ersten Testament gibt es viele Geschichten, in denen es richtig zur Sache geht. Die Zerstörung der beiden Städte Sodom und Gomorrha durch Gott ist ein Beispiel für diese gewalttätigen Geschichten, in denen Gott sehr rachsüchtig und kriegerisch gezeigt wird. Doch es geht weniger darum, die ausgeübte Gewalt zu beschreiben, sondern das Handeln Gottes zur Rettung derer, die auserwählt sind. Damit soll jetzt nicht ein überholtes Gottesbild gerechtfertigt werden, in diesen Geschichten ist Gott ausgesprochen grausam und unerbittlich. Einer der Auserwählten ist Lot. Er ist der Bruder von Abraham und wird mit seiner Familie aus der dem Untergang geweihten Stadt gerettet. Es sind zwei Engel, die ihn herausholen: »15 Als die Morgenröte kam, drängten die Engel Lot zur Eile: ›Schnell, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, sonst trifft die Strafe für diese Stadt euch mit!‹ 16 Während Lot noch überlegte, ergriffen sie ihn, seine Frau und seine Töchter bei der Hand, führten sie aus der Stadt hinaus und ließen sie erst draußen vor dem Tor wieder los. Denn der Herr wollte Lot und die Seinen retten.« (Genesis 19,15-16, Übersetzung Gute Nachricht)
Das Bauhaus hinterlässt Spuren
Kaum eine künstlerische Konzeption hat den Alltag im letzten Jahrhundert so geprägt wie das Bauhaus: Der Grundsatz, dass sich die Form der Funktion unterordnen muss, hat die Gestaltung vieler Alltagsgegenstände vereinfacht . Die Klarheit der Form, die dadurch entstand, hat sich selbstverständlich auch in der Architektur ausgewirkt. Selbst an der Gestalt der Autobahnkirche kann man das ablesen. Das Bauhaus steht für die Moderne schlechthin. Aber es gibt Schattenseiten. Die sehen wir im nördlichen Teil des Abraham-Tores. Dieser Flügel ist dem Treiben in Sodom und Gomorrha gewidmet und der Vernichtung der beiden Städte.
Führe uns nicht in Versuchung
Wenn wir das Vaterunser sprechen, dann sprechen wir ein Gebet, das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bei solchen Grundgebeten denkt man kaum mehr über den Inhalt nach, sie sind ganz selbstverständlich. Doch es gibt Augenblicke, in denen man sich bewusst wird, was ich gerade spreche und man denkt darüber nach. Man kommt ins Stocken und merkt, dass etwas nicht stimmt. Dieser Satz, den wir an der Innenseite der Südtür der Autobahnkirche aus dem Vaterunser sehen, gehört sicherlich dazu. »Führe uns nicht in Versuchung!« Im Gebet sprechen wir Gott an. In diesem Fall bitten wir Gott, dass wir nicht in Versuchung geführt werden und zwar von ihm. Da kann man schon fragen, ob Gott es ist, der in Versuchung führt. Wenn Gott dies täte, dann wäre es kein liebender, sondern vielmehr ein hinterhältiger Gott, dem nicht das Wohl der Menschen am Herzen liegt. Wenn er es nur täte, um die Menschen zu befreien und zu erlösen aus dem Ungemach, in das er sie vorher geführt hat, dann wäre das nichts anderes als ein Gott, der zynisch handelt.
wirkmächtig
Die Hände von Noah müssen eine besondere Kraft ausstrahlen. Er hatte laut Überlieferung aus dem Buch Genesis mit ihnen die Arche gebaut, die dem Leben eine Chance gab. Aber nicht nur dem Leben an sich, sondern den Tieren und vor allem der ganzen Menschheit. An der Ostseite des Noah-Turmes sehen wir aus den Händen Noahs Kraftströme austreten in dem Moment, als er die Türen schließt. Das ist der Moment, in dem er die Grenze zieht zwischen der Welt vor und der Welt nach der Sintflut. Mit diesen geschlossenen Türen wird alles anders. Emil Wachter zeigt das mit den Wellen, die aus seinen Fingern strömen.
Noah als Prophet
Wie aus einer Schießscharte blickt Noah aus der sicheren Arche und beobachtet die Welt. Es ist die Welt, die gerade zerstört wird oder schon zerstört ist. Er wusste es besser und versuchte, dem entgegen zu wirken. Er baute nach der Überlieferung im Buch Genesis die Arche und rettete sich, seine Familie und die Tiergattungen, die damals gelebt haben sollen. Noah gilt als einer der Erzväter, auf die sich das Menschengeschlecht begründet. Er war auch das, was man einen Propheten nennt. Propheten treten auf, weil sie von Gott legitimiert sind. Sie haben eine Botschaft empfangen, die sie mit Sinnen wahrgenommen haben, meisten wurden die Botschaften Gottes gehört oder geschaut. Von dem, was Propheten erfahren haben, sprachen sie zu den Menschen, meist eindringlich, weil ihre Botschaft meistens unbequem war und zu der alltäglichen Praxis im Widerspruch stand.
Wer kann die Welt retten?
Die Gestalt des Noah ist positiv besetzt. Er hat mit dem Bau der Arche einen wichtigen Anteil daran, dass das Leben weitergeht und dass es gut weitergeht. Aber diese Zeit ist vorbei, die Bedrohungen sind geblieben oder kommen immer wieder. Wo sind diese Menschen, die zur Rettung der Welt schreiten und die neues Leben ermöglichen? Wem können wir trauen, dass es weitergeht? Wer sorgt für einen Neuanfang? Uns fallen die PolitikerInnen ein, die mit Programmen versuchen einen bestimmten Teil zu schützen. Aber selten haben sie das Ganze im Blick. Da gibt es die ExpertInnen, die WissenschaftlerInnen, die in ihrem Fachbereich kluge Vorschläge unterbreiten, die aber in anderen Lebensfeldern fatale Auswirkungen haben. Und es gibt die PhilosophInnen, damit meine ich alle GeisteswissenschaftlerInnen, die große Linien vorzeichnen, denen es aber nicht gelingt, die kleinen praktischen Fragen des Alltags zu lösen.
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