Es ist kaum zu erkennen, weil der Beton in den letzten über vierzig Jahren etwas gelitten hat und die Algen und anderer Staub ihr Übriges dazu beigetragen haben. Man kann schemenhaft zwei Hände erkennen zwischen einstürzenden Steinblöcken und Feuerszungen. Es geht um die Zerstörung von Sodom und Gomorrha. Abraham hatte versucht, mit Gott zu handeln, ob er nicht Gerechte findet, damit das Urteil über diese Stadt nicht vollstreckt wird, doch es hilft alles nichts, die beiden Städte werden zerstört und sind zum Beispiel für Verkommenheit und Unzucht geworden. Die Laster haben keine Zukunft, diejenigen, die sie leben und mit ihnen leben, werden vernichtet. So einfach ist das!
Hier wird ein moralisches Urteil gefällt. Wir verbinden damit meist sexuelle Praktiken, die dem »gesunden Empfinden« widersprechen. Aber sie sind zeitbedingt und wir wissen, dass sich moralische Vorstellungen immer wieder verändert haben. Als das Buch Genesis entstand, war Homosexualität ein todeswürdiges Verbrechen, deshalb ist das Gericht Gottes zwangsläufig. Aber wir sehen das heute anders. Wir tun uns schwer, Gott als Richter über sexuelle Orientierungen zu akzeptieren. Das, was Menschen vor fast 3000 Jahren gedacht haben, können wir heute nicht mehr als Maßstab nehmen, schon gar nicht Gott dafür einspannen. Aber wie damit umgehen?
Kein Mensch kann die Zerstörung von Sodom und Gomorrha aufhalten, die Hände stemmen sich vergeblich dagegen. So wie die beiden Städte untergehen, haben wir auch den Eindruck, dass Werte, die einmal unumstößlich waren, jetzt ganz anders gesehen werden. Man spricht vom Verfall der Werte, der auch unaufhaltbar erscheint.
Doch es geht um einen Wandel, nicht um einen Verfall. Dass sich die Rangfolge und Wichtigkeit von Werten verschiebt, ist eine gängige Erfahrung und Teil einer normalen Entwicklung. Wir können das nicht aufhalten, weil wir selbst Teil dieser Entwicklung sind. Wir können diese Veränderungen leben, sie gestalten und miteinander aushandeln, wie wir mit ihnen umgehen sollen. Es liegt an uns, ob am Ende Brandruinen und Tod übrigbleiben oder ab neues Leben wächst.