Wenn wir das Vaterunser sprechen, dann sprechen wir ein Gebet, das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bei solchen Grundgebeten denkt man kaum mehr über den Inhalt nach, sie sind ganz selbstverständlich. Doch es gibt Augenblicke, in denen man sich bewusst wird, was ich gerade spreche und man denkt darüber nach. Man kommt ins Stocken und merkt, dass etwas nicht stimmt. Dieser Satz, den wir an der Innenseite der Südtür der Autobahnkirche aus dem Vaterunser sehen, gehört sicherlich dazu. »Führe uns nicht in Versuchung!« Im Gebet sprechen wir Gott an. In diesem Fall bitten wir Gott, dass wir nicht in Versuchung geführt werden und zwar von ihm. Da kann man schon fragen, ob Gott es ist, der in Versuchung führt. Wenn Gott dies täte, dann wäre es kein liebender, sondern vielmehr ein hinterhältiger Gott, dem nicht das Wohl der Menschen am Herzen liegt. Wenn er es nur täte, um die Menschen zu befreien und zu erlösen aus dem Ungemach, in das er sie vorher geführt hat, dann wäre das nichts anderes als ein Gott, der zynisch handelt. Was für ein Gottesbild steht dahinter, wenn wir Gott darum bitten müssen, uns nicht auf Abwege zu führen?
Wir laufen immer wieder Gefahr, dass wir Entscheidungen treffen, die sich als nicht gut für uns herausstellen. Das wissen wir meist erst hinterher, oder wir sind dem Reiz einer Sache erlegen und gehen sehenden Auges auf ein Unheil zu. Das kann man als Versuchung bezeichnen. Wo die herkommt, darüber können wir nur spekulieren. Jetzt erhoffen wir aber, dass wir gerade in diesen Situation Hilfen und Kraft von Gott bekommen.
Wäre es da nicht besser, darum zu bitten, dass wir in Zeiten wie diesen von Gott geführt werden, dass wir nicht untergehen? Wie fühlt es sich an, wenn wir sagen würden: »Führe uns in der Versuchung!« Oder »Führe uns durch die Versuchung!«? So würden wir uns an Gott wenden mit der Sehnsucht im Herzen, dass wir nicht untergehen und alle Kraft und alles Vertrauen auf diesen Gott setzen. Wenn es schwierig wird und wir uns trotzdem als geführt erleben, dann können wir das sehr gut überstehen. Versuchungen lassen sich nicht vermeiden, doch wir können darum bitten, dass wir dann nicht allein sind.