Es ist heutzutage ein eindeutiges Zeichen, wenn der Daumen nach unten zeigt. Vielleicht haben wir noch Bilder von Peter Ustinov als Nero im Kopf, wenn er in »Quo Vadis« mit einem simplen Zeichen bei den Spielen in der Arena über Leben und Tod entscheidet. Bei Herodes in der Krypta der Autobahnkirche sehen wir den nach unten gerichteten Daumen. Es ist das Zeichen für den Tyrannen, der willkürliche Entscheidungen trifft, die sich nicht an Recht und Gerechtigkeit halten, sondern von seinen jeweiligen Launen abhängig sind. Ob es Angst ist, die sein Handeln antreibt, Machtkalkül oder einfach nur eine Laune ist dabei unwichtig. Tyrannen entscheiden willkürlich und die Menschen, die ihnen hilflos ausgeliefert sind, haben nichts mehr zu Lachen, sondern nur noch Angst.
Bilderweltarchiv 2021
Die Autobahnkirche Baden-Baden bietet dem Auge des Betrachters viele Anregungen. Diese Darstellungen in Beton, Glas und Email regen zum Nachdenken an. Wir werden in loser Folge auf unserer Homepage einige Bilder vorstellen und mit einer kleinen Betrachtung Denkanstöße geben. Wenn es dazu führt, das Original zu betrachten, dann freuen wir uns darüber. Denn das Gesamtkunstwerk »Autobahnkirche« ist dazu da, dass man mit ihm in Kontakt kommt.
Zeit unter den Augen Gottes
»Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden, gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.« Dieser Refrain eines bekannten neuen Kirchenliedes von Peter Strauch bringt etwas zum Ausdruck, was wir mit unserem Intellekt nicht zeigen können: Zeit vergeht und wir verstehen nicht wie. Wir erleben Zeit als etwas, das auf eine besondere Art eine Richtung hat. Wir können sie nicht beschreiben und doch spüren wir, dass sie verrinnt. An unseren Uhren sehen wir, wie Zeit vergeht, aber was wir das sehen, ist nicht die Zeit, sondern nur eine Maßeinheit, die sich Schritt für Schritt verändert und addiert bzw. weniger wird, so wie bei der Sanduhr.
Ihr seid viel mehr wert
Wie kommen wir zu dem, was wir wirklich sind? Im Abschnitt über die wahre und die falsche Sorge bringt Jesu einen Vergleich, wie er besser nicht sein kann, und den wir heute noch viel interessanter finden können. Jesus sagt: »Seht euch die Lilien an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!« (Lukas 12,27-28) Wenn wir heute unsere Fähigkeiten beobachten, wenn es darum geht, die Natur zu kopieren, dann sind wir noch meilenweit davon entfernt, solche Kunstwerke zu schaffen, wie es eine einfache Lilie darstellt.
Vor Gott sind alle gleich
Gerechtigkeit, das wissen wir, gibt es im alltäglichen Leben nicht immer. Wir streben an, dass möglichst alle gleich behandelt werden, aber das ist selten möglich. Wenn es schon im normalen Leben keine Gerechtigkeit gibt, dann erhofft man sich diese zumindest im geistigen Leben. Wenn es uns Menschen nicht gelingt, für gerechten Umgang untereinander zu sorgen, dann erwarten wir es zumindest von Gott. In den Religionen taucht immer wieder die Frage nach der Gerechtigkeit auf. Aber dann muss man auch fragen, ob Gott wirklich gerecht ist. Warum lässt Gott das zu, was in unseren Augen überhaupt nicht gerecht ist?
In den Schuhen Jesu
Johannes wird in der christlichen Tradition als derjenige beschrieben, der Jesus vorausgegangen ist. Wenn man die Überlieferung aber verfolgt, dann war Johannes ein Prophet wie Jesus, doch mit seiner Botschaft viel radikaler und weniger kompromissbereit als Jesus. Johannes war moralisch, konsequent und hatte das rechte Verhalten im Blick. Für ihn war die Buße und Umkehr ausschlaggebend. Da konnte man nicht genug tun. Jesus dagegen war gelebte Barmherzigkeit. Auch er stellte die Menschen in die Entscheidung, aber sein Handeln war mehr von der Liebe bestimmt.
Dann ist ja alles geregelt
Ist das jetzt Jubel und Freude oder schlägt da jemand vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen? Elischa wurde gerade als Nachfolger von Elia berufen, bevor dieser mit dem Feuerwagen in den Himmel aufgefahren ist. Elischa hatte vorher mehrmals betont, dass er Elija nicht verlassen werde. Plötzlich fand er sich als dessen Nachfolger wieder: »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor. Elischa sah es und rief laut: Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter! Als er ihn nicht mehr sah, fasste er sein Gewand und riss es mitten entzwei. Dann hob er den Mantel auf, der Elija entfallen war, kehrte um und trat an das Ufer des Jordan. Er nahm den Mantel, der Elija entfallen war, schlug mit ihm auf das Wasser und rief: Wo ist der HERR, der Gott des Elija? Als er auf das Wasser schlug, teilte es sich nach beiden Seiten und Elischa ging hinüber.« (2 Könige 2,11-14, Übersetzung: Einheitsübersetzung 2016) Wenn man so etwas erlebt, dann kann es einem nur angst und bange werden.
Die Bürde der Erwählung
Auserwählt zu sein, ist nicht immer leicht. Natürlich strebt es man es an, ganz vorne zu sein und man genießt es auch, wenn man unter vielen Bewerbern den Zuschlag für eine Stelle erhält oder bei einem Casting den ersten Platz macht. Aber solch ein Sieg ist immer auch eine Verpflichtung und bringt auch Negatives mit sich. Erwählt oder ausgewählt zu werden hat zunächst einmal eigene Ohnmacht als Vorbedingung. Man muss sich in die Hände anderer begeben, die über das eigene Schicksal entscheiden. Wie die Entscheidung getroffen wird, kann man oft nicht nachvollziehen, im besten Fall war man unter den Besten oder hatte gar den Spitzenplatz inne. Aber eines muss deutlich sein. Wer ausgewählt wurde, musste sich zunächst anderen ausliefern.
Das Leben am Leben halten
Eines der am häufigsten verwendeten Motive von Emil Wachter an der Autobahnkirche ist der Lebensbaum. Ob in den Fenster, an den Türen oder in den Betonreliefs, immer wieder taucht der Lebensbaum auf. Am Abrahamstor sehen wir ihn auf eine besondere Weise. Abraham umfasst den Stamm des Lebensbaumes. Das können wir auf unterschiedliche Weise deuten: Hält sich Abraham am Lebensbaum fest oder hält der ihn? Hält Abraham das Leben oder hält er sich dadurch am Leben fest, indem er den Kontakt zum Lebendigen sucht? Wahrscheinlich müssen wir diese Antwort offen lassen, beide Deutungen sind ja möglich. Abraham gilt als der Stammvater der drei großen monotheistischen Religionen. Das Judentum, das Christentum und der Islam berufen sich auf ihn. Er war der, der nicht nur das Leben als Stammvater dieser drei Religionen begründet, sondern auch der erste war, dem sich Gott in besonderer Weise offenbart haben soll.
Wo ist der Osterhase?
Die Deckenbilder in der Krypta der Autobahnkirche werden gerne übersehen, sie sind aber nicht nur zu Dekorationszwecken oder zur geschickten Verzierung der Lampen angebracht. Sie binden sich in die Botschaft der Autobahnkirche ein: »Höre auf das, was Gott dir sagt.« So auch das Motiv des Hasen. Emil Wachter bindet vier hoppelnde Hasen in Form eines Mandala zusammen. Er greift ein altes Fruchtbarkeitssymbol auf, das schon früh zur Symbolisierung der christlichen Botschaft vom Leben verwendet wurde. Nach den kalten und langen Winternächten blüht die Natur wieder auf. Besonders die Tierwelt erwacht und zeugt neues Leben. Die Hasen erscheinen dabei als Tiere, die freudig den Frühling und die erwachende Natur begrüßen. Nicht zuletzt ihr Hoppeln, das auf uns fröhlich wirkt, hat zu dieser Sichtweise beigetragen. Der Osterhase und das Osterei sind gute Beispiele für die Lebendigkeit der Natur.
Schmerzensmann
Wenn Menschen bestraft werden, dann ist es üblich, sie in ihrer Schande auch bloß zu stellen. Eine Praxis, die sich bis heute nicht geändert hat. Wurden früher Verurteilte öffentlich verhöhnt und verspottet, so ist das heute subtiler. Es sind jetzt eher Berichte über das Leben oder das Umfeld, die Menschen ihrer Würde berauben und sie letztlich der Verachtung preisgeben. Das Schicksal von Jesus macht da keine Ausnahme. Er wurde gefoltert, er wurde öffentlich zur Schau gestellt und vor den Augen aller hingerichtet mit einem schändlichen Tod. Selbstwert, Ehre und Würde werden einem Menschen in den letzten Stunden seines Lebens geraubt, ja auch der Tod durch den Henker ist Teil dieses perfiden Schauspiels.
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