In den Schuhen Jesu

Bilderwelt 242 ABK Johannes-Turm O Die Schuhe des Meisters 1zu2.jpgJohannes wird in der christlichen Tradition als derjenige beschrieben, der Jesus vorausgegangen ist. Wenn man die Überlieferung aber verfolgt, dann war Johannes ein Prophet wie Jesus, doch mit seiner Botschaft viel radikaler und weniger kompromissbereit als Jesus. Johannes war moralisch, konsequent und hatte das rechte Verhalten im Blick. Für ihn war die Buße und Umkehr ausschlaggebend. Da konnte man nicht genug tun. Jesus dagegen war gelebte Barmherzigkeit. Auch er stellte die Menschen in die Entscheidung, aber sein Handeln war mehr von der Liebe bestimmt. Im christlichen Schrifttum wird dieser Konflikt der beiden zugedeckt, denn Johannes ordnet sich Jesus unter: »Johannes sagte: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt; ich bin nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.« (Johannes 1,26-27) Diese Aussage dürfte wohl nicht historisch sein, aber sie zeigt, wie wir Jesus sehen sollen: Er ist derjenige, dem wir aus lauter Verehrung nicht zu nahe kommen dürfen und schon gar nicht würdig sind, selbst niedere Dienste für ihn zu verrichten. So steht es uns auch nicht zu, in seinen Schuhen zu gehen, denn die sind uns definitiv zu groß.
Wir können uns diese Haltung von Johannes zu eigen machen, wie sie im Johannes-Evangelium beschrieben wird. Dann nähern wir uns Jesus mit der gebotenen Ehrfurcht und Distanz. Dann wird aus Jesus der Sohn Gottes, der gottgleiche Verehrung genießt. Dadurch errichten wir aber auch eine Barriere, die unüberwindlich ist. So rückt Jesus in größere Ferne und wird immer schwerer erfahrbar.
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Doch können wir nicht auch versuchen, in diesen Schuhen zu gehen? Wenn wir das tun, können wir Jesus richtig verstehen. Und hat Jesus nicht, so steht es zumindest im Johannes-Evangelium, sich dazu herabgelassen, seinen Freunden am letzten Abend die Füße zu waschen. Wenn wir diesen Schritt wagen, dann können wir erfahren, was es heißt, ein Kind, eine Tochter oder ein Sohn Gottes zu sein. Seine Fußstapfen sind nicht zu groß für uns, sondern für jeden gerade richtig. So können wir mit Jesus an unserer Seite erfahren, dass Gott bei uns ist. In seinen Schuhen ist Jesus eher ein Freund als ein Meister.
 
 
 
 
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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