Vergitterte Sicht

Diese Aussicht passt zu der dargestellten Szene. Jesus wird in einem Kerkerverlies gegeißelt, die Schergen gehen ihrem Alltagsgeschäft nach und lassen sich in ihrer Tätigkeit nicht stören. Es wirkt alles sehr düster, es dringt ja auch kam Tageslicht von außen herein. Und wenn man nach außen sieht, dann erkennt man, wenn die Gitter überhaupt etwas durchlassen, einen tiefdunklen Nachthimmel. Das ist die Perspektive aus einem Folterkeller, wie es sie durch die Jahrtausende hindurch bis in unsere Zeit gibt. Dunkle Verliese, in denen Menschen gefoltert und getötet werden, ohne eine Aussicht auf eine freie Sicht, geschweige denn auf Freiheit. Dieses vergitterte Fenster steht für alle Folterkeller der Welt, aus denen nicht einmal mehr die Schreie der Menschen nach draußen dringen. Hier ist keine Taube zu sehen, die die Gitterstäbe durchbricht.
Dagegen steht der Traum von einer Welt, in der Menschen nicht mehr gequält werden und zu Unrecht in Gefängnissen eingesperrt werden, weil sie sich für politische Rechte, journalistische Freiheiten oder nur für das Leben einsetzen. Es ist der Traum von einer besseren Welt, in der Diktatoren und Tyrannen für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen werden, in der das Recht über das Unrecht siegt. Wir wissen, dass dieser Traum noch lange geträumt werden muss, bis es so weit ist, manchmal zweifelt man daran, ob er jemals Wirklichkeit werden wird. Was hilft uns, trotzdem daran festzuhalten? Ist es die Tatsache, dass Jesus für alle Menschen steht, die gefoltert und hingerichtet werden, so dass sie sich in ihrem Leid mit ihm solidarisieren können? 
Das ist ein möglicher Weg, der oft gegangen werden muss, um nicht gänzlich in der Verzweiflung zu versinken. Aber würden wir damit nicht auch das Leid in eine spirituelle Dimension heben, die es gar nicht haben darf? Müssen wir darin einen Sinn finden, um es überhaupt aushalten zu können? Es ist eine der schwersten Aufgaben unserer Zeit, wenn wir die Frage nach dem Leid stellen und es aushalten müssen wenn wir keine Antwort finden. Vielleicht reicht es aus, immer wieder daran zu erinnern, dass es Kerker gibt, in denen Menschen dahinvegetieren, dass ihr Blick nach draußen durch ein Gitter verstellt ist.