Ich bin bei dir!

Im Psalm 23 stehen die vier Worte, die Glauben ganz einfach zusammenfassen: »Du bist bei mir!« (Psalm 23,4) Dieses kleine Glaubensbekenntnis hat aber, wenn es so bedacht wird, Konsequenzen für ein Verständnis der Gegenwart Gottes. Wenn ein betender Mensch die Worte spricht: »Du bist bei mir!«, dann schwingt gleich auch die Aussage mit: »Ich bin bei dir!« Ein Gebet, das beide Sichtweisen sichtbar werden lässt, macht aus einer zunächst einseitigen Aussage des Vertrauens ein gegenseitiges Beziehungsverhältnis auf: »Wenn du bei mir bist, dann bin ich auch bei dir!« Glauben ist dann nicht etwas, das nur in eine Richtung geht, sondern ein Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruht.
Das sehen wir auch in der Darstellung auf der Ostseite der großen Glocke an der Autobahnkirche. Ein Hirte und ein Schaf begegnen sich auf Augenhöhe, ich bei dir und du bei mir. Aus einem Verhältnis, das zunächst auf Abhängigkeit aufgebaut wird, entsteht etwas, das partnerschaftlich organisiert ist. Es ist eine Aussage, die sich öfters in der Mystik findet, wenn Gott und Mensch als auf einer Ebene stehend, beschrieben werden: Meister Eckhart sagt einmal: »Das Auge mit dem ich Gott anschaue ist das Auge, mit dem Gott mich anschaut.« Mensch und Gott blicken sich an und sind, wie hier auf dem  Relief, eins, ein Bild, bei dem kein Teil fehlen darf.
Wir können hier auch eine Antwort Gottes vermuten und die lautet wie die Glaubensaussage! »Du bist bei mir.« Ein Wort, das ursprünglich der betende Mensch im Psalm spricht. Hier betet Gott, hier schafft Gott eine Vertrauensebene. 
Die Zuwendung meinerseits, die ich ausdrücke, wenn ich sage: »Ich bin bei dir!«, wird zur Beziehungsaussage, wir gehören zusammen, wir sind eins, nichts kann uns trennen. Das Spiel mit unterschiedlichen Bedeutungen dieses Satzes kommt der Namensoffenbarung Gottes im brennenden Dornbusch gleich: »Ich bin da!« Immer dann, wenn es um Aussagen zur Gegenwart Gottes geht, kommen wir an die Grenzen dessen, was wir verstehen können. Wir bewegen uns im Bereich des Geheimnisvollen, das wir wohl erfahren, aber nicht beschreiben können. Ich glaube nicht, dass wir da sehr schnell an ein Ende kommen, wenn wir weiter darüber nachdenken: »Du bist bei mir!« und »Ich bin bei dir!«