Türöffner für die Welt

Judas Taddäus steht stellvertretend für die sechs Paare von Aposteln, die bei den drei Ausgängen der Autobahnkirche als Türwächter eine wichtige Aufgabe wahrnehmen. Er ist nicht sehr auffällig, seine Gesichtszüge sind wie die der anderen elf eher durchschnittlich. Die sehr flachen Reliefs springen auch nicht so sehr ins Auge wie beispielsweise die Fenster, die man sofort wahrnimmt. Aber, wie immer bei Kirchenbauten, ist nichts zufällig an seinem Platz und die Apostel erfüllen auch hier eine wichtige Funktion. In alten Kathedralen sind die zwölf Säulen im Langschiff in der Regel den Aposteln gewidmet. Sie tragen die Kirche, sie sorgen für deren Stabilität und bilden quasi ihr Fundament. Auf ihnen ist die Kirche errichtet.
In der Autobahnkirche tragen die Zwölf nicht das Gebäude. Das machen die vier Träger, die sich oben im Schlussstein treffen. Hier schauen sie alle diejenigen an, die die Kirche verlassen. Ihr Blick ist eindringlich. Sie fragen: »Was passiert jetzt, wenn du in die Welt hinausgehst? Wovon erzählst du? Welche Erfahrungen nimmst du von hier mit?« Das ist heute die entscheidende Frage. Es sind nicht die Traditionen oder ein festes Glaubensgebäude, das Halt gibt. Wir erleben heute, dass gerade die früher so wichtigen Grundlagen mehr und mehr zerbröseln. Das, was gut war, das trägt nicht mehr. 
Und doch haben die Menschen Ängste, sie haben Hoffnungen. Sie leben voller Sehnsucht nach Glück und gelungenem Leben. Und genau dafür ist diese Kirche da. Sie lädt ein, Erfahrungen zu machen. Und zwar jetzt, so wie ich bin, mit dem, was ich jetzt gerade mitbringe. Dieser Bezug auf den Augenblick ist wichtig, weil wir so in unmittelbaren Kontakt mit unserem Inneren kommen und erleben, dass doch etwas da ist, das trägt und hält. Das sind andere Säulen, die aber nicht weniger stabil sind. Natürlich müssen wir diese spüren. Die zwölf Türwächter erinnern uns daran und machen bewusst, dass wir eine Aufgabe vor uns haben, wenn wir aus dieser Kirche herausgehen. Du sollst von dem berichten, was dich berührt hat. Es geht um dich, um deine Erfahrungen. Die sind es wert, dass andere sie hören.