Hab keine Angst

Begegnungen mit dem Göttlichen sind immer Schlüsselerlebnisse. Sie durchbrechen unsere gewöhnliche Sicht auf die Dinge der Welt. Wenn etwas anders ist als sonst, dann macht es, auch wenn es eine beglückende Erfahrung ist, zunächst einmal Angst. Das Ungewöhnliche können wir noch nicht einordnen, wir brauchen Zeit, damit wir es verarbeiten und verstehen, das heißt denken können. Maria geht es kein bisschen anders, als der Engel bei ihr eintrat: »28 Der Engel kam zu ihr und sagte: ›Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir; er hat dich zu Großem ausersehen!‹ 29 Maria erschrak über diesen Gruß und überlegte, was er bedeuten sollte. 30 Da sagte der Engel zu ihr: ›Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden!‹« Lukas 1,28-30, Übersetzung Gute Nachricht) Maria erschrickt, sie hat selbstverständlich Angst. Der Engel sagt den Satz, mit dem in der Bibel meistens Gottesbegegnungen eingeleitet werden: »Hab keine Angst!«
Hab keine Angst, fürchte dich nicht, sagt man oft zu Kindern, wenn sie unruhig und ängstlich sind. Meist wird dann auch noch eine Begründung nachgeschoben, die zeigt, dass sie vertrauensvoll auf eine beängstigende Situation zugehen können. Was für Kinder gilt, hat auch eine Bedeutung für Erwachsene. Jede und jeder von uns kann sich darauf verlassen, dass auch wir aufgehoben und geborgen sind: So sagt der Engel zu Maria und damit zu jedem und jeder von uns: »Du hast Gnade bei Gott gefunden!« Es ist das große Ziel, das uns jede Religion verheißt: 
»Du musst keine Angst haben, du hast bei Gott Gnade gefunden, dir kann nichts mehr passieren, du wirst nicht untergehen!« Darum muss es bei Religionen gehen, nicht um Glaubenssätze und Bekenntnisse, auch nicht um die genaue Befolgung von Ritualen, auch nicht um die Beachtung von moralischen Vorschriften. Der erste Satz der Verkündigung muss immer lauten: »Hab keine Angst, fürchte dich nicht!« Alles andere folgt dann daraus. Wenn Religion dazu missbraucht wird, Menschen Angst zu machen, ihnen das Vertrauen in das Leben zu nehmen, dann hat sie ihren Zweck verfehlt. Wenn wir Religion als Hilfe gegen die Angst sehen, können wir ganz neue Wege ausloten und gehen. Dann wird aus einem System, das als einengend erlebt wurde, eine Lebenspraxis, die neue Horizonte öffnet und uns hilft, neue Lebendigkeit zu spüren. Also: »Hab keine Angst!«