Du hast Gnade gefunden

Die Erzählung aus dem Lukas-Evangelium, in der der Engel zu Maria kommt und ihr die Schwangerschaft mit Jesus verkündet, ist eigenartig und bemerkenswert zugleich. Sie steckt voller Verheißungen und kann uns neue Horizonte eröffnen, wie wir uns und unser Leben betrachten können: »28 Der Engel kam zu Maria und sagte: ›Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir; er hat dich zu Großem ausersehen!‹ 29 Maria erschrak über diesen Gruß und überlegte, was er bedeuten sollte. 30 Da sagte der Engel zu ihr: ›Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden! 31 Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben.‹« (Lukas 1,28-31, Übersetzung Gute Nachricht) Hier geht es zunächst um die Kontaktaufnahme und darum, Maria die Angst zu nehmen. Der Engel tritt zu ihr und sagt zunächst drei wichtige Dinge: »Gott ist mit dir!«, »Gott hat dich zu Großem ausersehen!« und »Du hast Gnade gefunden!« Das sind alles Zusagen, die nichts anderes als Segensworte sind. 
Besonders der letzte der drei Sätze »Du hast Gnade gefunden!« lässt aufhorchen. Auf den ersten Blick klingt es so, und so lesen wir diesen Satz meistens, dass sich Gott erbarmt und Maria die Gnade zuteil werden lässt. Aber das wird mit diesem Satz so nicht ausgedrückt. 
Gnade zu finden ist nicht etwas, das an Maria geschieht. Wenn etwas gefunden wird, dann habe ich aktiv danach gesucht. Es ist das Ergebnis der eigenen Suche, mit dem sie hier konfrontiert wird. Sie hat das gefunden, was sie suchte, sie hat jetzt Anteil an der Gnade, nach der sie sich sehnte. Was könnte mit dieser Gnade gemeint sein? Auch hier denken wir zunächst einmal daran, dass sie ein Kind empfangen wird. Wir können aber auch etwas anderes darin sehen. Hier greift der erste Segensgruß des Engels: »Gott ist mit dir!« So kann man es verstehen, wenn Gnade gefunden wird: Gott ist bei dir! Kennen wir das auch? Die Erfahrung, dass Gott mit mir, bei mir ist? Wenn ja, dann haben auch wir Gnade gefunden, wenn wir nach der Nähe Gottes gesucht haben.