Du bist bei mir

Immanuel Kant, der Philosoph aus Königsberg, der die Grenzen der Vernunft und der Religion aufgezeigt hat, schrieb einmal: »Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte, wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: ›Du bist bei mir‹.« Das sind Worte, die eine Spur tiefer Zufriedenheit hinterlassen. Es gibt in der Bibel wohl kaum einen Satz, der so gut ein Glaubensverhältnis ausdrückt. »Du bist bei mir!«, zu Gott im Gebet gesprochen, zeugt von einer Überzeugung, dass man als Mensch nicht verlorengehen kann, weil die Nähe Gottes, man muss hier schon sagen die unmittelbare Gegenwart Gottes, als Tatsache beschrieben wird. In der christlichen Tradition wurde dieser Satz im Psalm 23, der mit den Worten beginnt: »Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.« mit dem Bild des guten Hirten in Verbindung gebracht. Jesus selbst nimmt für sich in Anspruch, dieser gute Hirte zu sein. Auch er verspricht seine Gegenwart in verschiedenen Bildern. Zu ihm können wir deshalb auch diesen Satz sagen: »Du bist bei mir!«
Emil Wachter stellt den guten Hirten an auf der großen der beiden Glocken der Autobahnkirche dar. Ein Hirte nimmt ein Schaf in seine Arme, so wie man ein Kind aufhebt, um es an sich zu drücken. Es ist das Schaf, das verloren geglaubt wurde und durch die Unermüdlichkeit des Hirten doch noch gefunden wurde. Wenn man diese Darstellung ernst nimmt, dann kann der Satz »Du bist bei mir!« auch anders verstanden werden: Es ist dann nicht mehr die gläubige Aussage eines Menschen, der sich bei Gott geborgen weiß, sondern es ist die erleichterte Aussage Gottes. »Endlich bist du bei mir, ich habe so lange gewartet, ich habe dich gesucht!« 
Aus dem vertrauensvoll gesprochenen Gebet wird eine Beziehungsaussage Gottes. »Du bist bei mir! Hier ist dein Platz, du gehörst zu mir!« Diese Sichtweise hat Konsequenzen, die das Bild des Hirten nahelegt: Gott wendet sich den Menschen zu, Gott will, dass besonders du in der Gegenwart Gottes leben kannst. Die Nähe Gottes wird zum Grund, auf den sich jede und jeder verlassen kann.