Gelobtes Land

Es hat schon einen besonderen Reiz, wenn man vom gelobten Land sprechen kann. Man denkt an paradiesische Zustände, so etwas wie Schlaraffenland und an eine Verheißung. Ein gelobtes Land ist immer versprochenes Land, es wurde zugelobt. Wenn man dort sein kann, dann ist es gut, das Ziel allen Strebens ist dann erreicht. Auf dem vierzigjährigen Zug durch die Wüste hat sich das Volk Israel unter der Führung von Mose immer wieder an diesem Gedanken festgehalten, dass sie einmal dieses Land erreichen werden. Und wenn nicht sie, dann doch ihre Nachfahren. Selbst Mose war es nicht vergönnt, in das gelobte Land einzuziehen, er durfte nur einen Blick über die Grenze werfen und einen Eindruck davon bekommen. Sein Ziel hat er damit aber doch erreicht, sein Volk hat die Strapazen überstanden und kann sich endlich in dem Land ausruhen, das für sie bestimmt war. So weit, so gut. Das war die Geschichte und Verheißung, die vor 3500 Jahren für das Volk Israel ausgesprochen wurde. Seither ist viel Wasser den Jordan hinabgeflossen, viele Generationen haben in diesem gelobten Land gelebt. Sie wurde vertrieben, haben sich mit Eroberern vermischt, haben sich zurückgekämpft. Den Anspruch, dass das ihr gelobtes Land sei wurde aber nie aufgegeben.
Wir können darüber streiten, welchen Anspruch man heute auf eine Verheißung erheben kann, die schon so uralt ist. 
Geht es immer noch um ein reales Stück Land oder müssen wir es nicht symbolisch betrachten? Sind diejenigen, denen damals das Land verheißen wurde immer noch die gleichen, wie die, die heute einen Anspruch darauf erheben? Selbstverständlich brauchen Menschen einen Platz zum Leben, aber wie setze ich durch, dass ich auf diesem Flecken Erde leben darf: Muss ich mich nicht mit denen in Beziehung setzen, die dort sind? Habe ich das Recht, sie zu vertreiben, weil meine Ansprüche uralt sind? Diese Fragen lassen sich nicht auf die Schnelle lösen und es gibt wohl auch keine eindeutige Antwort. Aber die Geschichte lehrt uns, dass es gefährlich wird, wenn man den Anspruch erhebt, dass ein Stück Land vor Urzeiten versprochen wurde. Das gilt übrigens nicht nur für das Heilige Land.