Salome tanzt

Kaum eine Szene, vielleicht von der Kreuzigung Jesu abgesehen, hat die Phantasie von Dichtern, Malern und Komponisten so angeregt wie der Tanz der Tochter des Herodias vor Herodes Antipas. Als Belohnung für diesen Tanz lässt sie sich auf Befehl ihrer Mutter das Haupt des Täufers bringen. Wie muss dieser Tanz gewesen sein, dass er einen so hohen Preis wert war? Ob es ein Schleiertanz oder ein Bauchtanz war, ob mehr oder weniger lasziv, das lässt sich schwer sagen, er wird ja nicht beschrieben, das bleibt der Kunst vorbehalten, die diesen Tanz deutet. So stellt auch Emil Wachter am Johannes-Fries die tanzende Salome dar. Dabei stützt er sich mehr auf Legenden und das, was in der Kulturgeschichte überliefert wurde, als auf historische Fakten. Wahrscheinlich hat diese Szene so nicht stattgefunden, auch wenn wir es den damaligen Verhältnissen zutrauen würden. Im Evangelium wird diese Frau nur als Tochter der Herodias bezeichnet, erst ab dem fünften Jahrhundert bekommt sie den Namen Salome. Seither ist beides, der Tanz und ihr Name untrennbar miteinander verbunden. 
Was macht diesen Tanz so eindrucksvoll? Zunächst einmal die nüchterne Beschreibung im Evangelium, die den Spekulationen viel Spielraum lässt. Es ist eine Einladung, körperliche Aspekte ins Spiel zu bringen. Beim Tanzen kommen Musik und Körper zum Einsatz, Vorstellungen machen sich breit. Die Verbindung zwischen Tanz und Erotik liegt nahe. So wird Salome zu einer Frau, die, wenn sie dargestellt wird, eher verrucht aussieht, denn tugendhaft. 
Dieses Frauenbild hat meist männliche Künstler angeregt, Salome zu gestalten. Damit werden wir aber dieser jungen Frau nicht gerecht. Sicher war sie wohl ein Mitglied des Hofes in Jerusalem, aber sie stand auch unter der Order ihrer Mutter, die sie gezwungen hat, zu tanzen und diese schreckliche Belohnung zu fordern. Es ist reine Spekulation, wie diese Salome war, aber wir werden ihr nicht gerecht, wenn wir sie nur als Frau sehen, die es versteht mit ihren Reizen zu spielen, die als Lustobjekt eines Königs ist, der keine Schranken mehr kennt. Versuchen wir doch hinter diesem Bild der männermordenden Hexe die junge Frau zu sehen, die wie alle anderen auch ihr Leben leben will, vielleicht selbst agiert, wahrscheinlich aber auch eingesetzt und instrumentalisiert wird.