Der Grund Gottes

In der christlichen Farbenlehre wird Gold immer dann verwendet, wenn von Gott die Rede ist. Wenn Heilige beispielsweise auf goldenem Grund dargestellt sind, dann heißt das, dass sie in der Gegenwart Gottes leben, sie sind ganz vom göttlichen Glanz umgeben und durchdrungen. So taucht Gold auch in den Glasfenstern der Autobahnkirche auf. Besonders im Geburtsfenster an der Nordseite sehen wir eine große goldene Fläche, auf der Jesus als Neugeborenes liegt. Natürlich besteht hier auch der Bezug zur Krippe mit dem Stroh, auf das das Kind gelegt wurde. Dieses Stroh ist golden und bildet die Unterlage, auf der Emil Wachter die Menschwerdung Gottes darstellt. 
Es hat eine besondere Bedeutung, wenn das Stroh in der Krippe zum Grund Gottes wird. Stroh ist das einfachste landwirtschaftliche Produkt und wird als Abfallprodukt der Getreidegewinnung weiter verwendet. An sich ist Stroh wertlos, wird als Streu verwendet und mit den Fäkalien der Tiere auf dem Misthaufen entsorgt. In den seltensten Fällen dient es als Nahrung und dann auch nur in Notfällen. Im Märchen vom Rumpelstilzchen soll aus Stroh Gold gesponnen werden, aus dem wertlosesten soll das wertvollste werden. Hier schließt sich der Bogen zum Fenster in der Autobahnkirche. Gott liegt auf dem wertlosesten, was unser Leben bieten kann. Das Stroh ist so aber  zum Wertvollsten 
geworden, das wir uns denken können. Wenn Gottes Grund das Wertloseste sein kann, dann kann auch alles andere der Grund Gottes sein. Meister Eckhart, der Mystiker aus dem 14. Jahrhundert, spricht immer wieder vom Grund Gottes und meint damit die Seele des Menschen. Auch wenn wir keine große Meinung von uns haben, im Mittelalter war das noch sehr viel ausgeprägter als heute, findet Gott den Grund doch im Menschen. Der Mensch wird geadelt und gleichsam zum goldenen Grund, auf dem Gott Mensch wird. Wenn wir uns bewusst sind, dass dieser Grund auch in uns existiert, ja dass wir dieser goldene Grund sind, dann können wir nicht mehr klein von uns denken.