Wie vergeben?

 
Man hört immer wieder, dass ein System, das darauf beruht, dass Schulden angehäuft werden, um irgendwann getilgt zu werden, nicht auf Dauer bestehen kann. Zu sehr wird dadurch ein Gefälle aufgebaut zwischen denen, die die Mittel haben, und denen, die sie brauchen. Denn wenn Schulden gemacht werden, kommt der Zins dazu, was die Spirale sich immer schneller drehen lässt. Die Schulden werden mehr und man kommt aus ihnen nicht mehr heraus. Mit Vermögen, Schulden und Zinsen funktioniert unser Wirtschaftssystem mehr schlecht als recht. Wenn es beim Geld schon so schwierig ist, wie ist es dann erst, wenn es um Verbrechen geht, bei denen Menschen Schuld auf sich geladen haben? Noch schwieriger wird es bei Verfehlungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn ich beim Geld noch Summen gegeneinander stellen und aufrechnen kann, habe ich eine Vergleichsgröße, nach der ich einigermaßen 
berechnen kann, was einer der anderen schuldet. Bei materiellen Schäden mag das auch noch angehen, aber wie »berechne« ich Schuld, wenn es keine materielle Größe mehr gibt?In therapeutischen Prozessen wird deutlich, dass der Begriff der Schuld im engen Sinn nicht weiterhilft. Da ist es besser, wenn man von Verantwortung spricht, die jemand übernehmen soll. Aber auch das hilft nicht immer. Da wendet man das an, was am schwierigsten ist: Schuld vergeben. Wenn ich an einer Schuld festhalte, dann hält die mich auch in ihrem Griff. 
Wenn ich sie loslassen kann, dann habe ich die Möglichkeit, von ihr loszukommen. Und hier wird es schwierig. Denn es liegt nicht an dem, der angeblich schuldig ist, sondern an dem, der vergeben kann. Dieser Mensch hat die Arbeit zu verrichten, er muss loslassen und sich nicht mehr mit der Schuld oder dem Unrecht, das ihm angetan wurde, beschäftigen. Das bedeutet, dass ich mich zuerst verändern muss, damit Vergebung geschehen kann. Nur wenn ich bereit bin, diesen Schritt zu tun, kann die Schuldspirale aufgebrochen werden und mein Gegenüber sich verändern.  Das ist das Geheimnis der Vergebung: Veränderung!