Salome hat getanzt und damit ihren Stiefvater Herodes Antiopas in Verzückung versetzt. Jetzt darf sie sich eine Belohnung wünschen. Auf Anraten ihrer Mutter Herodias fordert sie das Haupt des Täufers und dieser Wunsch wird ihr erfüllt. Jetzt sehen wir sie, wie sie stolz den Kopf des Johannes ihrer Mutter überreicht. Herodias selbst ist sehr unnahbar und kalt dargestellt. In einer Vignette sehen wir ihr Gesicht im Profil, wie auf einer Münze. Sie ist Herrscherin durch und durch. Sie zeigt keine Regung, ihre Tochter hat die ihr aufgetragene Mission erfüllt.
Nicht nur bei uns modernen Menschen sträuben sich bei diesem Vorgehen die Nackenhaare. Immer dann, wenn Menschen ermordet werden, um persönliche Interessen durchzusetzen, schaudern wir und fragen, wie Menschen dazu fähig sein können. Die Geschichte gibt eine ganz eindeutige Antwort: Ja, Menschen können so grausam sein. Ein Menschenleben hat dann keinen Wert mehr, Herrscherinnen und Herrscher gehen für ihren persönlichen Vorteil über Leichen und sind womöglich noch stolz darauf. Die junge Salome, wahrscheinlich noch ein Mädchen, ist in diesem Klima aufgewachsen. Sie kann dieses Spiel ungerührt mitspielen, sie ist stolz darauf, dass sie ihre Mutter zufrieden gestellt hat. Wie können Menschen zu solchen Monstern werden? Ist es die Macht, die sie dazu formt? Ist es der Erhalt der Macht, der zu jedem Mittel greifen lässt, das sich bietet? Ist es persönlicher Egoismus, der einen blind gegenüber den Interessen anderer Menschen hat und nur noch den eigenen Vorteil sieht? In dieser Szene am Johannes-Fries der Autobahnkirche bringt Emil Wachter ein Sittengemälde am Hof in Judäa auf den Punkt.
Es steht stellvertretend für viele Herrscherhäuser der damaligen Zeit bis heute. Immer dann, wenn es um absolute Macht geht, die nicht kontrolliert werden kann, werden Menschen so. Man kennt das Sprichwort: »Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.« Diese Erfahrung haben Menschen zu allen Zeiten gemacht. Vielleicht können wir es nur dadurch verhindern, dass wir davon erzählen und diese Geschichte von Johannes und Herodias, Herodes Antipas und Salome weitererzählen und lebendig halten, dass dieses Opfer und alle anderen nicht vergebenes sind.