Welt richten

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In alten Kathedralen ist am Portal, das nach Süden zeigt, oft das Weltgericht dargestellt. Meist so dass Jesus als Richter, über die Welt zu Gericht sitzt und über die Menschen urteilt. Die einen bekommen den Himmel zugesagt, die anderen werden in die Hölle verbannt. Dieses zweigeteilte Weltbild haben wir Gott sei Dank überwunden. Wir sehen unser Leben hier auf der Erde nicht als Vorstufe für den Himmel, als eine Bewährungszeit, die darüber entscheidet, wie wir die Ewigkeit, was immer das auch ist, verbringen werden. Aber das Bild eines Richters der Welt und unseres Lebens hat eine tiefe Bedeutung für uns. 
An der Westseite des Johannesturm sehen wir unter der Spitze des Turmes ein Gesicht, das auf eine Weltkugel blickt, die Welt und ihr Richter. Sie stehen sich gegenüber, in gleicher Größe. Die Welt ist schon geborgen in umfassenden Armen. Hier hat Emil Wachter eine andere Sichtweise für ein Weltgericht sichtbar gemacht. Es ist nicht mehr der Kampf zwischen Gut und Böse. Es ist ein Vollenden der Welt in den Augen des Schöpfers. Richten ist dann nicht mehr das Herstellen von Gerechtigkeit mit Belohnung und Strafen. Die Welt würde zweigeteilt in die Geretteten und die Verdammten, in den Teil, dem Ewigkeit verheißen ist und dem, der ewig den Tod erleiden wird. Hierfür ist in dieser Darstellung kein Platz mehr. Richten wird in der Bedeutung von Einrichten und Aufrichten verwendet. Die Welt wird unter den Augen Gottes eingerichtet, die Menschen und das Leben wieder neu aufgerichtet - und auf Gott hin ausgerichtet. 
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Für uns als Betrachter wird nicht das drohende Gericht vorgestellt, sondern wir können uns daran ausrichten, unserem Leben eine neue Richtung geben. Deshalb blickt dieser Richter auf die Welt, die sich vor ihm ausbreitet. Wir folgen seinem Blick und sehen in die Welt hinaus, nach Westen, dorthin, wohin wir aufbrechen können. So verstanden müssen wir auch nicht auf ein Gericht am Ende der Zeiten warten, sondern wir leben schon jetzt in der Zeit des Richtens. Wir sind gefragt. Und nicht mehr so, dass das ewige Leben davon abhängt, sondern unser Leben hier und jetzt.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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