Tränenkelch

Das Fenster an der Südseite der Autobahnkirche, das die Szene im Garten Gethsemane zeigt, hat in der Mitte eine eigenartige Darstellung. Als eine goldene Schale könnte man sie deuten, in die Wassertropfen fallen. Oder sind es Tränen? Wenn wir uns Jesus in Todesangst vorstellen, dann liegt es nahe, hier seine Tränen zu sehen, die in der Schale aufgefangen werden. Er sagt bei seiner Verhaftung: »Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?« (Johannes 18,11) Hier geht es nicht um den Kelch, der ausgetrunken werden soll, sondern um den, der erst noch gefüllt wird. Es ist eine Schale, in der eine Menge Platz hat. Und noch etwas fällt auf: Sie ist golden gefärbt. Sie ist nicht nur den Gefäßen nachempfunden, die in unseren Gottesdiensten verwendet werden, sondern Gold steht für die Nähe Gottes, es ist ein Zeichen für Gottes Gegenwart hier und jetzt.
Was hat Emil Wachter bewogen, dieses Fenster so zu gestalten? Ich sehe hier die Tränen der Welt, die in der Gegenwart Gottes aufgefangen werden. All die Tränen, die geweint werden, weil Menschen sterben, weil Menschen leiden, weil Krieg, Flucht und Vertreibung, weil Unfreundlichkeit und Hass regieren, weil Egoismus und Ausbeutung der Maßstab für Handeln sind. Die Liste, warum Tränen vergossen werden, ließe sich endlos lange fortsetzen. Sie haben ihren Platz in der Nähe Gottes. Die Angst Jesu steht stellvertretend für die Angst aller Menschen, die vor einem ungewissen Schicksal stehen, die keinen Ausweg mehr sehen und deren Los unweigerlich auf den Tod hinausläuft.  
 

Quelle: Norbert Kasper

Auch diese Tränen finden ihren Platz dort, wo wir hoffen, dass Gott ist. Die goldene Schale ist die Bitte, die wir Menschen aussprechen: »Sei da, sei bei uns, wenn wir unserer Not mit Tränen und Klagen Ausdruck verleihen.« Menschen sehnen sich danach, dass genau dort Gott gegenwärtig ist, wo ihre Existenz am stärksten bedroht ist oder sich vollendet. Wenn wir den Kelch betrachten, dann finden wir einen Ort für unsere Sehnsucht, wo unsere Tränen, ganz gleich warum sie geweint werden, einen Ort finden. Der Tränenkelch, in dem Gott anwesend ist und das Leid sieht.
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Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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