Liebe überwindet Grenzen

Zwei Gesichter blicken in die gleiche Richtung. Wir wissen nicht, wie sie zueinander in Beziehung stehen. Lieben sich die beiden oder sind sie im Hass getrennt? Zwischen ihnen steht ein Baum und markiert eine Trennlinie. Rechts und links, die eine und der andere, miteinander oder gegeneinander, jedes für sich. Sind sie jetzt durch den Baum getrennt oder miteinander verbunden? Es ist ein rätselhaftes Motiv, das Emil Wachter als Rückenlehne für die Sitze auf der linken Seite in der Autobahnkirche geschaffen hat. Eine Darstellung, in die viel hineininterpretiert werden kann und die sich im ersten Betrachten gar nicht erschließt. Wenn wir genauer hinsehen, zeigt sich eine Spur zur Lösung: Unter den beiden Gesichtern sehen wir eine Hand, die von rechts nach links geht. Sie überwindet die Grenze, die der Baum zwischen beiden markiert. Die ausgestreckte Hand verbindet die beiden Gesichter miteinander.
Die einfache menschliche Geste schafft Nähe und stiftet eine sinnvolle Beziehung. Die ausgestreckte Hand steht für die Liebe, wie es in dem Kehrvers heißt: »Ubi caritas et amor, Deus ibi ist - Wo die Güte und die Liebe ist, dort ist Gott.« Die ausgestreckte Hand ist eine vertrauensbildende Maßnahme, eine konkrete Handlung, die Nähe schafft. Sie entspringt dem Vertrauen darauf, dass es gut gehen kann. Dieses Vertrauen ist nur dann möglich, wenn es einen tieferen Grund hat. Es braucht so etwas wie Sympathie, Zuneigung und Liebe, damit es möglich ist.
Dann, so drückt es der Vers aus, dann ist auch Gott da und ein wesentlicher Teil des Ganzen. Umgekehrt gilt das aber auch. Wenn ich Gott voraussetze, dann ist Güte und Liebe nicht mehr weit, dann kann ich den Schritt, der Grenzen überwindet, gehen. Wenn daraus ein Miteinander entsteht, dann ist Liebe da, dann ist Gott da, oder wenn Gott da ist, dann ist auch Liebe und Miteinander da. Wenn es die Liebe gibt, dann ist Gott und das Miteinander nicht mehr weit. Es sind die kleinen Gesten, die einen weiten Horizont aufziehen. Ohne einen Handschlag, der Grenzen überwindet, geht gar nichts!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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