Die Ruhe vor dem Sturm

In der Westfront der Fenster in der Autobahnkirche hat Emil Wachter ein eigenartiges Fenster zwischen die Geißelung und die Kreuzigung Jesu eingefügt. Ein fast schon idyllisches Bild, mit abstrakten Glasmustern und einem kleinen Baum, der Früchte trägt. Dazu noch eine sprießende Pflanze, als ginge alles seinen gewohnten Weg weiter. Dieses Fenster passt sowohl zwischen die Geiselung und die Kreuzigung als auch in den anderen Zyklus, der die Fenster bestimmt, die Apokalypse. Beidesmal wird es ruhig, das Ende, und sei es noch so schrecklich, zögert sich hinaus und es keimt vielleicht etwas Hoffnung auf. Vor allem aber wird alle Aufregung für einen kurzen Moment beruhigt. Man kennt dieses Effekt in Romanen und Filmen, in Theaterstücken und Opern. Man spricht dann von den retardierenden Momenten, die alles noch einmal aufhalten. Vielleicht wird das drohende schreckliche Ende noch einmal abgewendet. Diese Hoffnung brauchen wir, denn sie hat mit unserer Sehnsucht nach Harmonie zu tun. Wir wollen, dass Geschichten gut ausgehen, dass das Ende nicht so schnell oder nicht mit Schrecken kommen möge.
Aber auch das ist Teil unserer Erfahrung: Immer wenn wir meinen, dass sich das Schicksal wenden könnte, wird die Hoffnung enttäuscht. Es kommt vielleicht noch schlimmer, als wir es uns ausgemalt haben. So wird aus der Szene, die scheinbar alles aufhalten könnte, nur eine kurze Unterbrechung, die nichts verändert. Aber es ist doch etwas anders. Es war eine Pause da. Wenn man diese Pause bewusst wahrnimmt, dann können wir sie nutzen und ein wenig Kraft schöpfen für den weiteren Weg.
Dann ist es gleichgültig, was geschieht. Dem Schicksal können wir ja doch nicht entgehen. Wir können uns eine wichtige Erfahrung aller spirituellen Wege zu eigen machen: »Wenn es hart auf hart kommt, aber auch wenn etwas Großartiges bevorsteht, schaffe Dir Ruhemomente, in denen Dir bewusst wird, was jetzt gerade ist. Nimm bewusst den Augenblick wahr und sammle Deine Kraft, dass Du nicht blind in Dein Verderben läufst oder das Glück bewusst wahrnimmst.« So hat dieses ruhige Fenster zwischen Geißelung und Kreuzigung einen Sinn.
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Was willst du mitnehmen?

Vor der Fahrt in den Urlaub steht das Packen. Ob mit dem Auto oder Flugzeug, ob mit Bus oder Bahn, immer kann man nur begrenzt Dinge mitnehmen. Fragen nach der richtigen Kleidung, den notwendigen Schuhen, Regenschutz, Wasch- und Freizeitutensilien, vielleicht noch ein Buch. Ganz schnell hat man eine Grenze erreicht und muss sich entscheiden, was daheimbleiben muss und was ich mitnehmen kann. Wenn es den Urlaub betrifft, dann fällt die Entscheidung nicht gar so schwer, weil man spätestens nach ein paar Wochen wieder auf alles, was man zum Leben braucht, zurückgreifen kann. Da kann man gerne mal auf etwas verzichten. Ganz anders sieht es aus, wenn man seine Heimat verlassen muss. Was packe ich ein, wenn ich nur einen kleinen Koffer mitnehmen kann? Wie packe ich, wenn ich nur ein paar Minuten Zeit habe, um das Haus zu verlassen vor einer drohenden Katastrophe. Es bleibt kaum Zeit, eine Auswahl zu treffen. Das, was man zurücklässt, ist in der Regel verloren.  Ganz schlimm ist es, wenn man nur das retten kann, was man am Leib trägt. Man konnte nichts mehr packen, man hatte gar keine Entscheidungsmöglichkeit bekommen, sondern musste Hals über Kopf fliehen.
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