Auf Adlersflügeln

Eine der schönsten Beschreibungen der Erfahrungen Israels mit seinem Gott findet sich im Buch Deuteronomium, dem fünften Buch Mose. Dort steht: »Ein Adler scheucht die Jungen aus dem Nest, damit sie selber fliegen lernen. Doch wachsam schwebt er über ihnen, und wenn eins müde wird und fällt, dann breitet er die Flügel unter ihm und fängt es auf und trägt es fort. Genauso hat der HERR sein Volk beschützt; er ganz allein hat Israel geführt, kein fremder Gott stand ihm zur Seite!« (Dtn 32,11-12) Der Verfasser des Buches weiß um die Geschichte der Rettung des Volkes Israels, er weiß um das ständige Ringen nach einer angemessenen Form des Glaubens. Er weiß um die Irrwege, die die Israeliten gegangen sind. Er weiß aber auch darum, dass es einen Bund gibt zwischen Gott und Israel. Er weiß, dass Gott zu diesem Bund steht und ihn immer wieder erneuert hat. So kann er auch mit gutem Gewissen dieses Bild des Adlers für das Handeln Gottes aufgreifen. Das Volk Israel setzt er mit den Jungen im Adlerhorst gleich. Irgendwann müssen sie in die Selbständigkeit entlassen werden und selbst fliegen lernen, denn das ist die Bestimmung des Adlers. Das Elterntier muss die Jungvögel aus dem Nest scheuchen, das Volk Israel muss das gewohnte und bequeme Haus verlassen. Dass ein Leben auf sich selbst gestellt aber nicht gleich funktioniert, dürfte auch klar sein, deshalb gibt es die Unterstützung des Adlers, der seine Jungen, die abzustürzen drohen, immer wieder auffängt und sie in den sicheren Horst bringt, wo das Spiel von Neuem beginnt. So handelt auch Gott an Israel.
Das ist die Theorie, wie sie überliefert ist, so wird die Geschichte Israels aus gläubiger Sicht interpretiert. Wie sieht es in unserem Leben aus? Auch wir müssen lernen, selbständig unseren Weg zu gehen. Wo ist der Adler, der uns auffängt, wenn wir fallen?
Gibt es diese höhere Macht, die uns aus der Sicherheit des bequemen Nest vertreibt, uns der Gefahr aussetzt um uns dann, wenn es zu gefährlich wird wieder schützt? Schön, wenn es so wäre. Oft erleben wir das Gegenteil. Doch eines ist klar: Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, um unser Ziel, wo immer das ist, zu finden. Es kommt auf uns an, ob wir darauf vertrauen, dass wir dabei nicht zugrunde gehen, sondern immer wieder aufgefangen und getragen werden. Solch ein Vertrauen ist schwer zu erreichen, aber wenn es da ist, nennen wir es »Glauben«.
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Treue in der Not

Wenn die Frage nach einem unschuldig Leidenden gestellt wird, wird immer Hiob genannt. Er ist aufgrund einer Wette zwischen Gott und dem Teufel zum Spielball der Intrigen des Höllenfürsten geworden. Und das nur, um die Unerschütterlichkeit seines Glaubens auf die Probe zu stellen. Vergessen wird dabei aber seine Frau, die in der Rahmenerzählung nur zweimal erwähnt wird. Sie wird Hiob nicht genommen, sie steht in aller Not treu zu ihm. Sie verliert wie er Hab und Gut, sie verliert ihre Kinder, ihr bleibt am Ende nur neben ihrem Mann in der Asche, in den Trümmern ihres bisherigen Lebens zu sitzen. Im Gegensatz zu Hiob lehnt sie sich aber auf: »9 Seine Frau sagte zu ihm: ›Willst du Gott jetzt immer noch die Treue halten? Verfluche ihn doch und stirb!‹ 10 Aber Ijob antwortete: ›Du redest ohne Verstand wie eine, die Gott nicht ernst nimmt! Wenn Gott uns Gutes schickt, nehmen wir es gerne an. Warum sollen wir dann nicht auch das Böse aus seiner Hand annehmen?‹« (Hiob 2,9-10, Übersetzung Gute Nachricht) Sie lässt sich überzeugen und bleibt treu an der Seite ihres Mannes.
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