Wo läufst du hin?

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Wir haben ein Ziel vor Augen und darauf bewegen wir uns zu. Das Bild vom einfachen Gehen ist wieder modern geworden Aber ist es wirklich noch Ausdruck unseres Lebensgefühl oder steht es nicht vielmehr für die Unruhe, die uns tagtäglich umtreibt und der wir kaum etwas entgegensetzen können? Mobilität ist nicht umsonst ein Schlagwort unserer Zeit. Ja, wir sind unterwegs, aber meistens ohne dass wir genau wissen, wohin. Es hat sich eingebürgert, die alte Pilgerweisheit zu zitieren, die sagt: »Der Weg ist das Ziel!« Das klingt gut, hilft aber nicht viel weiter. Wir machen damit aus der Ziellosigkeit eine Tugend und geben dem Ganzen noch einen spirituellen Anstrich. Selbst wenn ich das Augenmerk auf das Gehen an sich lege, bewege ich mich auf ein Ziel zu. Nur so haben auch die vielen Pilgerwege einen Sinn.
An der Westseite vom Elia-Turm sehen wir die Beine der wunderschönen Isebel, seinerzeit Königin in Israel, Ehefrau des Königs Ahab und mächtige Gegenspielerin des Propheten Elia. Sie ist unterwegs, sie geht, Emil Wachter stellt sie dar auf ihre Beine reduziert. Sie steht für diese ziellose Suche, das Ausüben von Macht und auch für das klägliche Scheitern. Wer nur hetzt und unterwegs ist, ob im Guten oder wie sie im Bösen, kommt nirgendwo an. Man kann ihr den Vers von Angelus Silesius aus dem Cherubinischen Wandersmann entgegenhalten: »Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.« (Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, Buch I, Vers 82) Solang wir uns nur auf das äußerliche Gehen, das Vorwärtskommen beschränken, kommen wir nirgendwo an, auch nicht auf dem Weg, der das Ziel sein soll.
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Mobil sein reicht nicht aus! Wir müssen lernen, dass das, was wir suchen, nicht außen liegt, sondern tief in uns drinnen. Dann ist das Ziel nicht mehr wichtig aber auch nicht mehr der Weg. Dann bin ich immer bei mir, wenn ich den Himmel in mir drinnen finde und ihn als Teil von mir erfahre. Wenn ich unterwegs bin, kann ich diese Erfahrung machen, aber auch dann, wenn ich zur Ruhe gekommen bin. Es kommt nicht auf das Gehen an, sondern auf die Wendung nach innen. Und die geschieht, wenn ich mir die Ruhe gönne, wenn ich aus allem Unterwegs-Sein aussteige. Nur so komm ich zu mir und ans Ziel.
 
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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