Der Verführer

Schwarz, schattenhaft, undurchsichtig und unheimlich. So stellt Emil Wachter den Verführer dar. In den drei Fenstern an der Ostseite der Autobahnkirche sehen wir die Versuchung Jesu, einmal zumindest erscheint auch der Verführer in Person. Die schwarze Gestalt hat nur zwei kleine Farbflecken, am Kragen und die Augen. Kein Licht dringt durch ihn hindurch. Der Hut, ein Symbol von Emil Wachter, mit dem er ihn als Zeitgenossen von uns zeigt. Es ist nicht die archaische Gestalt mit Hörnern und Bockshuf aus ferner Vergangenheit, sondern er sieht aus wie die Menschen von heute. Der Versucher ist ein Zeitgenosse! Der Hut steht auch für das Versteckte und Verborgene. Seine Gedanken können nicht gelesen werden. Mit dem Finger zeigt er auf das, womit er verlocken will. Seine Körperhaltung ist angespannt, geduckt und hat etwas Verschlagenes an sich. So stellen wir uns den Ganoven, den Teufel vor, der nichts anderes im Sinn hat als den Menschen in den Abgrund hinab zu ziehen. Wenn es nur so einfach wäre und alles, was uns in die falsche Richtung lenkt, so einfach zu erkennen wäre.
In unserem Leben sind wir immer wieder vor Herausforderungen gestellt, Situationen in denen wir entscheiden müssen. Oft wissen wir gar nicht, ob die Entscheidung jetzt gut oder schlecht ist, manchmal können wir nur zwischen Pest und Cholera wählen. Wir wissen erst hinterher, welche Konsequenzen unser Handeln für uns und andere hatte. Es gibt aber auch Situationen, in denen wir wissen, was wir tun sollen, unser Empfinden sagt uns, was gut oder schlecht ist. Dann sind wir mit unserem Urteil gefragt. Das sind die
Entscheidungssituationen, die uns zeigen: Jetzt liegt es an dir, was getan werden soll. Es gibt dann die Versuchung in zwei Richtungen. Entweder etwas zu tun, das nicht richtig ist, oder etwas zu unterlassen, obwohl es das Richtige wäre. Wichtig ist es, dann den klaren Blick zu haben und gut zu entscheiden. Dabei hilft es, genau hinzuschauen, wachsam zu sein, für das, was passiert. Wir müssen unsere Regungen spüren, vielleicht auch mal dem Bauchgefühl trauen, das uns sagt: Pass auf, das geht jetzt in die falsche Richtung!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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