Hinhorchen

Auch wenn das Christentum zu den Buchreligionen gehört, ist das Lesen doch nicht die wichtigste Eigenschaft, die man mitbringen sollte. Wir müssen davon ausgehen, dass erst seit der Erfindung des Buchdrucks das Lesen im Vordergrund stand. Bis dahin wurden die Geschichten und betrachtenden Texte der Bibel über das Vorlesen vermittelt und durch aktives Zuhören aufgenommen. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass die erste Begegnung mit dem Wort Gottes über das Hören geschieht.
Wer erst einmal in Berührung mit dem Wort gekommen ist, vielleicht zufällig, vielleicht nach langer Suche, weiß, dass Hören nicht immer ausreicht. Es kommt auf aktives Zuhören, auf das Hinhorchen an. Am Ambo in der Autobahnkirche sehen wir einen Menschen, der nicht nur hört, sondern ganz konzentriert hinhorcht, um ja nichts zu verpassen. Diese Haltung der Aufmerksamkeit, heute spricht man allgemein von der Achtsamkeit, ist die Grundhaltung jeder Religion. Ich bin dabei auf die Erfahrung fixiert, auf das, was jetzt gerade geschieht. So spielen auch die Geschichten von Hörenden eine wichtige Rolle in der Heiligen Schrift. Besonders hervorgehoben wird die Erzählung vom jungen Samuel, der beim Hohenpriester Eli im Tempel übernachtet. Er wird dreimal von Gott beim Namen gerufen. Samuel steht auf und geht zu Eli, denn er meinte, dass dieser ihn gerufen habe. Erst als der alte Eli bemerkt, dass etwas Besonderes vor sich geht, gibt er Samuel den Auftrag, hinzuhorchen und eine besondere Haltung einzunehmen. Samuel antwortet dem Anruf Gottes mit »Sprich, Herr, dein Diener hört!« Das ist mit Hinhorchen gemeint: Ich höre bewusst. Auch wir sind aufgefordert, die Haltung des Hinhorchens einzunehmen, besonders dann, wenn wir das Wort Gottes hören, und zwar immer und überall. Dieses Horchen ist eine alltägliche Haltung, die ich zu jeder Gelegenheit praktizieren kann.
Ich kann immer aufmerksam hinhorchen, das heißt so gespannt sein auf das, was passiert, was ich höre oder sehe, was ich allgemein wahrnehme, als würde ich die wichtigste Nachricht erhalten, die mir jemals übermittelt wurde. Das klingt schwierig, ist aber im Tun recht einfach, denn wir brauchen nichts anderes zu tun als mit allen Sinnen da zu sein.
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Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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