Ein wesentliches Element von Religionen in einem bestimmten Entwicklungsstadium ist das Opfer. Speziell dafür ausgebildete oder ausgewählte Personen bringen Feldfrüchte oder Tiere als Opfer dar, um sich der göttlichen Gunst zu vergewissern. Indem ich Gott etwas gebe, das mir wertvoll ist, erhalte ich von Gott das, was ich brauche. Es ist ein Handel, den ich dabei ausmache: »Ich gebe und du gibst!« Dieser Handel hat eine Schattenseite. In der Bibel wird immer wieder davon berichtet: Was geschieht eigentlich, wenn Gott das dargebrachte Opfer nicht akzeptiert und die erhofften Wohltaten ausbleiben? Muss ich dann noch mehr opfern, bis ich erhört werde? Der Prophet Elia geht mit Priestern des Baal eine Wette ein. Es soll nach einer langen Trockenheit regnen. Deshalb schichteten Baalspriester Altäre auf und bereiteten Stiere vor, um sie zu opfern. Ebenso tat es Elia, aber er übergoss seinen Altar mit Unmengen von Wasser. Das Feuer sollte als Zeichen von Baal oder Gott kommen. Am Ende entzündete sich das Feuer von Elia, sein Opfer wurde erhört und es begann zu regnen. Die Priester des Baal gingen leer aus und Elia ließ sie daraufhin umbringen. Eine Opfergeschichte, die zumindest für das Volk Israel mit dem erhofften Resultat zu Ende ging. Aber sie zeigt auch, wie zwiespältig heute die Rede vom Opfer ist. Brauchen wir Opfer, damit Gott uns wohlgesonnen ist? Müssen wir etwas, das wir gerne haben »opfern«, damit wir ein höheres Gut, z.B. die Zuwendung Gottes erhalten? Brauchen wir Opfer, damit wir einen Schaden, den wir angerichtet haben, wieder gut machen können?
Heute sehen wir die Sache mit den Opfern kritischer. Wenn Gott liebend ist, dann sind Opfer, mit denen wir Gott auf unsere Seite ziehen wollen, unnötig. Wenn wir immer nur darum beten, dass Gott unser Opfer annehme, dann machen wir uns abhängig von der Willkür Gottes. Es ist der schwierigere Weg, Gott ohne Vorleistung entgegen zu treten, aber das ist genau der Weg, den Jesus uns vorschlägt. Wir brauchen die Opfer nicht, damit Gott uns liebt.
Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.