Fass mich nicht an!

Zwei gegensätzliche Aussagen lassen uns aufhorchen: »Berühre mich!« Und »Fass mich nicht an!« Heute sind beide Sätze selbstverständlich geworden. Ich darf mich wehren, wenn mir etwas oder jemand zu nahe kommt. Aber Nähe zu spüren ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass wir Beziehungen leben können. Beide Aussagen verwenden wir und hoffen, dass sie jeweils richtig verstanden werden.
Wenn ich eine Absage erteile, dann ist das mein gutes Recht. Wir ermutigen Kinder dazu, es zu tun und »Nein!« zu sagen. Und das ist wichtig und richtig. Aber es bleibt da etwas Zwiespältiges zurück. Denn es könnte ja auch mitklingen: »Komm mir nicht zu nahe!« oder: »Lass mich in Ruhe!« Zwar habe ich auch dafür Verständnis, manchmal muss ich diese Sätze auch mal sagen, aber so ganz glücklich bin ich dann damit nicht. Wenn ich mich so abgrenze, dann will ich von den anderen nichts wissen und hätte am liebsten meine Ruhe. Die Nähe, die ich einfordere oder anderen Menschen schenken kann, hat also etwas Befreiendes und etwas Bedrängendes.
Es ist die Frage nach dem rechten Maß. Wieviel Nähe, wieviel Distanz darf und muss sein. Dafür gibt es keine feste Regel. Es ist immer wieder der Moment, der darüber entscheidet, was geht und was nicht. Es gibt aber auch Situationen, in denen gar nichts geht, wo Nähe und Berührung nicht erlaubt sind.
Nach der Auferstehung begegnet Jesu Maria von Magdala. Und er sagt zu ihr: »Fass mich nicht an!« Sie kann wohl nicht fassen, wie er ihr hier begegnet. Maria erkennt in ihm doch den Auferweckten. Diese schroffe Ablehnung steht im Widerspruch dazu, wie sich Jesus Thomas gegenüber verhält, dem er eine ganz intime Berührung erlaubt, ja fast schon dessen Hand in seine Wunden führt und sagt: »Berühre mich!« Thomas weiß dann, dass ihm in Jesus der begegnet, der von Gott auferweckt wurde. Jesus hat ein Gespür dafür, wenn er anrührbar sein muss und wann nicht. Dieses Gespür wünsche ich mir auch! Ich muss wachsam sein, dass ich merke, was ein anderer Mensch braucht und was ich brauche.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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