Wer gibt, wer nimmt?

»Alles ist Geben und Nehmen.« Das ist ein Allgemeinplatz. Aber ist es wirklich so? Sicherlich kann man nicht sagen, dass es immer ausgeglichen zugeht. Oft hat man das Gefühl, dass man mehr gibt als dass man selbst bekommt. Dabei kommt es aber auf die Sichtweise an. Was bedeutet mir etwas? Von was profitiere ich? Wenn ich diese Kosten-Nutzen-Rechnung für mich aufstellen kann, dann ist es einfach, für mich zu klären, was ich gebe und wieviel ich bekomme. In jeder Art von Beziehung wird es so ausgehandelt. Und wenn man am Ende sagen, dass es ausgeglichen zugeht, dann hat man viel erreicht oder eine gute Art und Weise des Umgangs miteinander geschaffen.
Schön, wenn es so funktioniert. Aber das ist nicht immer der Fall. Gerade in kapitalistischen Gesellschaften hat man oft den Eindruck, dass dieses ausgewogene Verhältnis von Geben und Nehmen nicht mehr existiert. Am Noah-Turm thematisiert Emil Wachter genau diese Frage. Er formuliert zwei kurze Sätze: Wer gibt? Wer nimmt? Die beiden Fragezeichen stehen zentral und zeigen, dass es keine feste Antwort gibt. Sicherlich ist es so, dass jeder gibt und jeder nimmt. Aber ist es ausgewogen? Wird beispielsweise meine Arbeitskraft ausreichend und gebührend belohnt? Bekomme ich das, was ich verdiene oder werde ich mit kleinen Almosen abgespeist?
Immer dann, wenn es um die Schöpfung geht, dann ist auch ein Idealzustand im Blick. Nach der Sintflut wäre ein Neuanfang möglich gewesen, aber die guten Absichten haben nicht lange gehalten. Immer droht, dass das Gefüge der Schöpfung zerbricht. Deshalb müssen wir diese Frage des Gebens und Nehmens nicht nur auf unsere menschlichen materiellen und ideellen Beziehungen bezogen lesen, sondern auf die ganze Schöpfung. Wieviel gibt die Natur, wieviel und was nimmt sich der Mensch? Wie kommen wir da zu einem ausgewogenen Verhältnis?
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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