Zeit zum Leben

Kaum ein Symbol wie die Sanduhr führt uns vor Augen, dass die Zeit unwiederbringlich vergeht. Sie verrinnt! Die Zeit, die durch den schmalen Flaschenhals der Gegenwart gefallen ist, können wir nicht zurückholen. So ist es nicht verwunderlich, dass wir beim Noah-Turm, an dem das Thema der Schöpfung und des Neuanfangs von Emil Wachter gestaltet wurde, die Vergänglichkeit und damit Einzigartigkeit des Lebens sichtbar wird. So lange wie es Menschen gibt beschäftigt uns die Frage nach der Zeit: Wie gehen wir mit der Zeit um, die uns zur Verfügung steht? Was tun wir in dieser Zeit und wie erfahren wir die Begrenztheit unserer Existenz? In der Moderne wird das ganz besonders bedrängend erfahren. Wir sehen Zeit als etwas, das wir besitzen. Wir haben Zeit oder haben keine Zeit. Als ob wir Zeit festhalten und verwenden können, wenn wir sie brauchen. Sie vergeht doch, ob wir Zeit haben oder nicht.
Wir erleben, wie begrenzt die Zeit ist, wenn wir meinen, immer mehr in immer weniger Zeit erledigen zu müssen. Wir werden immer schneller, und - auch das hat mit dem Besitzenwollen der Zeit zu tun - und gewinnen doch keine Zeit. Wir sparen Zeit ein, fahren noch schnell über die gelbe Ampel, wir meinen, dass es an der anderen Kasse im Supermarkt schneller voranginge. Wenn wir Zeit gewinnen, nutzen wir sie dann auch als Gewinn? Wir stehen in der Gefahr, das, was uns gut tut, auf später zu verschieben, im besten Fall auf die Rente, und dann kommen wir doch nicht dazu, diese Zeit so zu nutzen, wie wir es uns gewünscht haben.
Der Sand, der durch die Sanduhr rinnt, zeigt uns ganz deutlich: Jedes Sandkorn, das fällt ist weg. Es bleiben immer weniger zurück. Die Sanduhr im Bezug zur Schöpfung zeigt uns, dass die Zeit genauso einzigartig ist wie jedes Lebewesen. Wir können sie nicht festhalten und noch weniger besitzen. Wie können mit der Zeit nur das tun, was wir mit unserem Leben tun, das genauso unverfügbar ist. Wir können sie leben. Jeden Augenblick.
Selbstverständlich gibt es da einiges zu tun, wir können nicht über jeden Augenblick selbst bestimmen. Ich habe es aber in der Hand, diese Augenblicke bewusst zu leben. Diese Verantwortung habe ich, ganz gleich, ob ich fremdbestimmt Aufgaben erledigen muss oder nicht. Dort, wo ich selbstbestimmt lebe, muss ich den Augenblick wahrnehmen und leben. Zeit ist nicht zum Haben, sondern zum Leben.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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