Höre Israel!

Diese zwei Worte gehören zum Ureigensten des jüdischen Glaubens. Emil Wachter verdeutlicht dieses Glaubensbekenntnis am Moseturm der Autobahnkirche. Und das nicht bildhaft, sondern mit dem gesprochenen Wort. Glaube kommt vom Hören, so seine Überzeugung. Es ist eine Sinneserfahrung, auf der Glauben beruht. Alles, was wir wissen, kommt durch die Sinne in uns hinein. Wir sind auf die Erfahrung bezogen und brauchen die Erfahrung, denn sonst ist unser Wissen sehr begrenzt. Es geht hier nicht zuerst um Lernen, sondern um Erfahren, das Lernen kommt hinterher. Das gilt besonders für die Glaubenserfahrung. Gott spricht zu seinem Volk. Vor allem anderen soll dieses auserwählte Volk auf das hören, was Gott zu ihm spricht.
Die Haltung, die dieser Art des Glaubens zugrunde liegt, ist die Offenheit und die Bereitschaft zum Hören. Ich will hören, damit ich glauben kann. Damit wird auch ausgedrückt, dass Glauben nicht nur von innen kommt, sondern zum großen Teil von außen. Es sind Worte, die zu uns gesprochen werden, es sind sinnliche Erfahrungen, die unsere Weltsicht und damit unseren Glauben verändern. Mit der Aufforderung zum Hören beginnt das jüdische Gebet, mit der Bereitschaft zum Loben das christliche Stundengebet. Beides sind zuallerst körperliche und erst in zweiter Linie geistige Vollzüge.
Meister Eckhart, der große Mystiker aus dem Spätmittelalter fasst es noch einmal anders zusammen, wenn er sagt: »Ich will sitzen und will schweigen und will hören, was Gott in mir redet.« Wir können daraus die Aufforderung Gottes machen: sitze, schweige und höre, was ich in dir rede. Bei aller Orientierung, was an dem, was von außen an uns herangetragen wird, ist doch auch der Weg nach innen entscheidend.
Und der geht über die sinnliche Erfahrung hinaus. Uns stellt sich so eine wichtige Frage: Durch welche Erfahrungen komme ich zum Glauben? Auf wenn soll ich hören? Wie spricht Gott zu mir und wir bereits ich mich dafür vor, dass ich das auch höre? Und schließlich: Wie glaube ich? Ja, was ist denn Glaube überhaupt?
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Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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