Unterwegs

Wenn man heute von Pilgern spricht, dann fällt auch ganz schnell der Satz: »Der Weg ist das Ziel.« In dieser Aussage steckt viel Wahres, aber so ganz trifft sie die ursprüngliche Absicht des Pilgerns nicht. Er ist vielmehr Ausdruck einer postmodernen Unverbindlichkeit. Auch wenn ich noch so sehr im Augenblick bin und mich ganz auf das Gehen im Hier und Jetzt konzentriere, bin ich doch auf dem Weg auf ein Ziel hin unterwegs. Es ist gut, ganz beim Gehen zu sein und zu bleiben, aber Ankommen ist mindestens genauso wichtig. Die Weisen machten sich auf. Sie sind der Inbegriff des modernen Pilgers. Sie sind auf dem Weg auf ein Ziel hin, wissen aber nicht, was sie da erwartet.
Wenn vom Weg als Ziel gesprochen wird, dann ist da immer auch der Weg zu sich selbst gemeint. Viele, die einen Pilgerweg gehen, machen diese Erfahrung, dass sie mehr bei sich ankommen als bei dem ursprünglich anvisierten Ziel. Aber auch damit ist ein Ziel erreicht, das, wenn wir ehrlich sind, auch angestrebt wurde: Bei sich selbst ankommen. Die Wahrheit des Weges liegt deshalb irgendwo mittendrin. Wenn wir unterwegs sind, dann ist es wichtig, den Weg nicht aus dem Auge zu verlieren. Der wichtigste Schritt ist dabei immer der, den wir gerade tun, denn ohne diesen Schritt kommen wir nicht weiter. Und wir sind mit einem Ziel unterwegs, ob es nun in uns selbst liegt oder am Ende des Weges, den wir eingeschlagen haben. Wir brauchen Ziele. Wir dürfen sie nur nicht so sehr in den Mittelpunkt des Interesses stellen, dass wir darüber alles andere vergessen. Denn würden wir das tun, dann verlieren wir den Augenblick.
Nehmen wir den Schritt, den wir jetzt gerade tun, wichtig und verlieren nicht das Ziel aus den Augen, dann kommen wir auch an.
Ob bei uns oder an einem bestimmten Ort, das bleibt sich gleich, das ist wahrscheinlich gar nicht so wichtig. Aber eines müssen wir immer bedenken. Unterwegs sein, nur dass wir unterwegs sind, greift zu kurz. Das reicht nicht aus, um das Leben zu meistern. Wir brauchen ein Ziel, das wir anstreben, vielleicht ohne es zu wollen, aber mit all unserer Kraft!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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