Zumutung

Es ist schnell dahergesagt, wenn etwas Schlimmes passiert ist, dass dies eine Prüfung Gottes sei. Der Mensch wird von Gott auf die Probe gestellt und der oder diejenige, die oder den es trifft, muss beweisen, wie groß die »Glaubensstärke« ist. Zeigt sich der Mensch würdig, dann ist er von Gott angenommen, versagt er, dann droht ihm Abweisung und Verdammnis. Heilige Schriften, auch die Bibel, sind voll von diesen Geschichten. Sie wurden oft in pädagogischer Absicht verfasst. Man soll am Glauben festhalten und nicht davon abweichen. Abraham wird als Beispiel für diese Glaubensstärke hergenommen, weil er Gott seinen Sohn nicht vorenthalten hat und ihn auf das Geheiß Gottes opfern wollte.
Aus heutiger Sicht haben wir Schwierigkeiten mit der Erzählung solcher Geschichten. Auch Emil Wachter drückt das aus. Abraham ist verzweifelt. Er kann den Auftrag Gottes nicht ausführen, er legt das Messer weg. Und wenn es eine Prüfung Gottes wäre, dann ist der Preis sehr hoch, denn ein geliebter Sohn soll durch die Hand des Vaters sterben. Heute tun wir uns schwer mit diesen und ähnlichen Gottesvorstellungen. Ist alles, was geschieht, der Wille Gottes? Sind die scheinbaren Forderungen Gottes nach einem Opfer von Menschen nicht zynisch und widersprechen der Sichtweise eines liebenden Gottes? Ist es im Sinne Gottes, dass Leben vernichtet wird?
Wenn wir von Prüfungen Gottes reden, dann oftmals deshalb, weil uns selbst die Worte fehlen für das, was uns widerfahren ist. Was als Tost gemeint war, verwandelt sich ins Gegenteil, weil man sich dann von einem Gott abwenden muss, der uns Menschen so auf die Probe zu stellen scheint.
Es ist ein zynischer Gott oder vielmehr eine zynische Theologie, die dieses vertritt. Die Haltung von uns Menschen zum liebenden Gott muss anders gezeigt werden als dadurch, dass wir in die Verzweiflung getrieben werden. Emil Wachter hat das erkannt und protestiert gegen diese Theologie!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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