Nimm und iss!

Wann weiß ich, ob ich etwas verstanden habe? Wann habe ich das Recht dazu, Wissen weiterzugeben? Wir legen Prüfungen ab und geben damit zum Ausdruck: Ich habe es verstanden. Aber ist es dann auch so, dass ich es wirklich ganz verinnerlicht habe? Habe ich das, was ich weitergeben will, mir schon ganz zu eigen gemacht? In der Heiligen Schrift taucht in diesem Zusammenhang immer wieder das Bild des Essens auf. Jesaja werden glühende Kohlen in den Mund gelegt. Der Seher der Apokalypse muss eine Schriftrolle mit dem Inhalt der Botschaft essen: »Dann sprach die Stimme aus dem Himmel noch einmal zu mir: Geh und nimm das offene Buch aus der Hand des Engels, der auf dem Meer und dem Land steht! Ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das Buch zu geben. Er sagte zu mir: »Nimm und iss es! Es wird dir bitter im Magen liegen, aber in deinem Mund wird es süß sein wie Honig. Ich nahm das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wie Honig. Aber als ich es hinuntergeschluckt hatte, lag es mir bitter im Magen.« (Offb, 10,8-10)
Es ist bei allen spirituellen Wegen so, dass es nicht darum geht, angelerntes Wissen weiterzugeben. Das, was gelehrt werden soll, muss erfahren worden sein. Es muss durch mich hindurchgegangen sein. Das, was brauchbar für mich war, wird mir zum wichtigen Baustein, das, mit dem ich nichts anfangen konnte, wird wieder ausgeschieden. Dabei ist die Botschaft, ob hilfreich oder nicht, nicht immer bekömmlich. Das, was ich erfahren habe, macht das Leben schwer, bei manchem verdirbt man sich auch den Magen. Aber das sind die Erfahrungen, die dazugehören. Sie sind Teil des Verarbeitungsprozesses, den ich durchmache, wenn ich einen Weg gehe. Wir müssen keine Angst vor dem haben, was wir nicht verstehen oder begreifen können.
Das, was wir am eigenen Leib erfahren haben, reicht völlig aus. Hauptsache, es ist durch uns hindurchgegangen und wir haben es verinnerlicht. Roger Schutz, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, drückt es so aus: »Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.« Und an anderer Stelle: »Liebe und sag es durch dein Leben.«
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Das unschuldige Opfer

In mythologischen Religionen braucht es Opfer, um sich mit den Göttern wieder gut zu stellen. Sie sollen besänftigt werden, indem man etwas von dem, was man erwirtschaftet hat oder was einem wertvoll ist, abgibt, es den Göttern opfert. Im Buch Genesis wird Abraham aufgefordert seinen Sohn zu opfern, um seinen Glauben an Gott zu beweisen. Aus heutiger Sicht eine Ungeheuerlichkeit. Ein Gott, der von Menschen fordert, dass sie ihr eigenes Fleisch und Blut opfern, das geht heute nicht mehr. Überhaupt muss die Frage erlaubt sein, ob wir im religiösen Bereich noch von Opfern sprechen sollen. Ein Opfer ist immer unschuldig, es kann nichts dafür, dass es ausgewählt wurde. Im Gegenteil, ein Opfer sollte möglichst rein sein, um sich Gott gegenüber würdig zu erweisen. Je reiner, umso wertvoller. 
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