Wo Gott sich niederlassen kann

22.10.2018 |

Der Thron Gottes in der Fensterfront Richtung Norden in der Autobahnkirche ist nicht besetzt. Warum das so ist, darauf gibt es ganz unterschiedliche Antworten. Ausgehend von Angelus Silesius können wir diesen leeren Thron als Spiegelbild für uns als Betrachtende sehen. Er schreibt im Cherubinischen Wandersmann: »Fragst Du, mein Christ, wo Gott gesetzt hat seinen Thron? Da, wo er dich in dir gebieret seinen Sohn.« (CW I,50) So stellt sich nicht die Frage, warum der Thron unbesetzt ist, sondern ob und wie wir selbst bereit sind, Gottes Thron zu sein.
Wenn wir der Ort sind, von dem aus Gott die Welt beherrscht, dann ist das zunächst einmal die Zusage einer unendlich großen Würde. In mir nimmt Gott Platz, in mir wird Gott selbst Mensch und ich bin Gottes Tochter oder Gottes Sohn. Diese Würde ist aber gleichzeitig eine unerfüllbare Aufgabe und eine riesengroße Verantwortung, der ich nicht gerecht werden kann. Das ist der Kern der Zusage, die uns in der mystischen Erfahrung zuteil werden kann. Wir möchten gerne die Existenz Gottes beweisen, Philosophie und Theologie mühen sich, aber vergeblich. Wir Menschen können nur über unser Erleben zur Erfahrung kommen, dass Gott existiert. Diese Antworten sind individuell und gelten nur für den jeweiligen Menschen, der diese Erfahrung gemacht hat und sie mitteilt. Und sie gilt auch nur für die Gegenwart.
Wenn der Thron Gottes in mir ist, ja, ich selbst dieser Thron bin, dann wird daraus eine andere Aufgabe. Ich kann dafür bereit sein, dass Gott in mir Platz nimmt. Es gibt sogar noch eine kleine Zusage, die den ganzen Druck wegnimmt. Dieser Thron Gottes ist schon errichtet und Gott hat das gemacht. Wir müssen gar nichts mehr tun, alles ist schon da.
Meine Aufgabe besteht dann lediglich darin, anzuerkennen, dass Gott nicht irgendwo da draußen und ganz weit weg ist, sondern zutiefst in mir drinnen. Diese Antwort ist zwar nicht einfacher zu verstehen und das Suchen wird auch nicht leichter, aber ich habe einen konkreten Ort, an dem ich suchen kann: in mir selbst. Es ist ein Segen, wenn ich sagen kann: »Ich bin der Thron Gottes.«
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Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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