Ich seh' den Sternenhimmel

Der Blick zum Himmel in einer sternenklaren Nacht ist immer wieder beeindruckend. Wir werden gleichzeitig daran erinnert, wie großartig und unbedeutend wir Menschen doch sind. Und wir erkennen dann auch, dass der Blick nach außen immer auch den Blick nach innen öffnet. Der Philosoph Immanuel Kant sagt in der »Kritik der praktischen Vernunft«: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.« Er kann nur noch schweigen vor dem Blick, der sich ihm nach innen und nach außen bietet.
Mit seinen verschiedenen Farben erinnert der kleine Ausschnitt aus dem Dreikönigsfenster in der Autobahnkirche an den großartigen Blick in den Kosmos, der zeigt, was wir Menschen eigentlich sind. Seit Emil Wachter dieses Fenster geschaffen hat, hat sich unser Blick geweitet, aber kaum verändert. Die Aufnahme »Deep Field« des Hubble-Teleskop, mit dem ein scheinbar leeres Segment des Himmels tagelang belichtet wurde, hat die Sichtweise verändert. Dort, wo nichts ist, kamen unzählige Galaxien in unvorstellbaren Entfernungen zum Vorschein. Die ältesten noch unfertigen Welteninseln kamen in den Blick. Wir mussten uns wieder einmal neu definieren.
Auch wenn sich mit dieser Fotografie unser Weltbild verändert hat - der Kosmos wurde um einiges größer, als man ihn sich bisher vorgestellt hat - werden wir erst recht mit uns selbst konfrontiert. Je größer der Kosmos wird, umso unbedeutender und kleiner werden wir Menschen.
Doch im Gegenzug wächst auch die Achtung vor uns selbst, weil jeder Mensch für sich spürt: »In dieser Unendlichkeit, in dieser unvorstellbaren Weite bin ich da, bin ich einzigartig!« Alles, was uns ausmacht, unser Denken, Fühlen und Handeln, unsere Überzeugungen, wird relativiert. Was ist das schon angesichts der weiten, unendlichen Räume. Und wir gewinnen unendlich an Bedeutung, wenn wir nach innen schauen. Es tut gut, den Blick in den Sternenhimmel und in unser Inneres zu wagen.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Der neue Mensch

Am Johannes-Turm der Autobahnkirche wiederholt sich ein Motiv, das wir vom Noah-Turm schon kennen: Eva und Adam stehen unschuldig im Paradies, allerdings auch wieder unter einem Baum. Es ist die Illusion vom neuen Menschen, vom Neuanfang, die Emil Wachter hier beschwört. Doch die beiden Darstellungen unterscheiden sich kaum. Ob dieser Neuanfang möglich ist, bleibt abzuwarten, ganz realistisch ist er nicht, dazu ähneln sich die beiden Szenen zu sehr. Ist es möglich, dass der paradiesische Mensch entstehen kann, zurück in die Unschuld des Anfangs? Ist dieses Ideal nicht ein Selbstbetrug? Neuanfänge sind nötig, wir brauchen eine Korrektur dessen, was wir bisher getan haben. Korrektur heißt aber, dass man nicht bei Null anfängt, sondern all das, was bisher war, integriert wird. Der neue Mensch, wenn man überhaupt davon reden kann, trägt die Spuren des alten in und an sich. Der alte Mensch verschwindet nicht, er bildet das Material, für den neuen, Wir werden uns selbst nicht los. Wenn es dann im neuen Paradies auch noch Bäume gibt, dann bleibt ebenso die Versuchung bestehen, die werden wir nicht los. Im Gegenteil, es besteht so die Gefahr, dass alles von vorne anfängt, ein ewiger Kreislauf von Neuschöpfung und Schuldig-werden. Dann bleibt letzten Endes alles beim Alten, Fortschritt findet nicht wirklich statt. 
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