Leben ist Begegnung

Menschen brauchen einander. Wir sind nicht zu Eremiten geschaffen. Am deutlichsten wird dies dadurch, dass wir darauf angewiesen sind, dass man mit uns spricht. Wir reden mit anderen und hören zu. Selbst wenn wir nicht so gesprächig sind, ohne Sprache können wir kaum mehr ausdrücken, was uns bewegt und wie wir einander brauchen.
Der menschlichen Rede voraus geht aber die Begegnung. Ich erkenne ein Gegenüber und trete mit ihm in Kontakt. Aus der Psychologie wissen wir, dass der erste Kontakt über die Augen geschieht, dann über die anderen Sinne. Und bevor überhaupt ein erstes Wort fällt, ist das meiste schon gesagt und festgelegt. Diesen ersten Eindruck können wir nur schwer revidieren.
Unser Leben ist durch Begegnungen gekennzeichnet. Wie oft im Laufe eines Tages blicken wir anderen in die Augen? Wie oft tauschen wir uns auch über Belangloses aus? Wie vielen Menschen begegne ich an einem Tag? Begegnung ist vielfältig, aber findet bei den vielen Kontakten, die wir tagtäglich nutzen, auch immer wirkliche Begegnung statt? Ist nicht schon im Vorfeld alles klar und wir meinen zu wissen, wie der andere zu uns steht und ob uns das anstehende Gespräch etwas bringt?
Leben ist Begegnung, keine Frage. Und jeder Mensch, dem ich in die Augen schaue, dem begegne ich auch. Aber wir müssen uns auch fragen, ob wir alle Dimensionen der Begegnung zulassen und diesem Menschen eine Chance geben. Sicherlich ist das nicht immer möglich. Je größer die Menschenmenge ist, umso oberflächlicher und anonymer ist die Begegnung. Wir können uns trotzdem immer wieder daran erinnern, dass wir auch die Chance zu einer wirklich tiefen Begegnung haben. Es liegt an uns, was wir zulassen.
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Der neue Mensch

Am Johannes-Turm der Autobahnkirche wiederholt sich ein Motiv, das wir vom Noah-Turm schon kennen: Eva und Adam stehen unschuldig im Paradies, allerdings auch wieder unter einem Baum. Es ist die Illusion vom neuen Menschen, vom Neuanfang, die Emil Wachter hier beschwört. Doch die beiden Darstellungen unterscheiden sich kaum. Ob dieser Neuanfang möglich ist, bleibt abzuwarten, ganz realistisch ist er nicht, dazu ähneln sich die beiden Szenen zu sehr. Ist es möglich, dass der paradiesische Mensch entstehen kann, zurück in die Unschuld des Anfangs? Ist dieses Ideal nicht ein Selbstbetrug? Neuanfänge sind nötig, wir brauchen eine Korrektur dessen, was wir bisher getan haben. Korrektur heißt aber, dass man nicht bei Null anfängt, sondern all das, was bisher war, integriert wird. Der neue Mensch, wenn man überhaupt davon reden kann, trägt die Spuren des alten in und an sich. Der alte Mensch verschwindet nicht, er bildet das Material, für den neuen, Wir werden uns selbst nicht los. Wenn es dann im neuen Paradies auch noch Bäume gibt, dann bleibt ebenso die Versuchung bestehen, die werden wir nicht los. Im Gegenteil, es besteht so die Gefahr, dass alles von vorne anfängt, ein ewiger Kreislauf von Neuschöpfung und Schuldig-werden. Dann bleibt letzten Endes alles beim Alten, Fortschritt findet nicht wirklich statt. 
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