Wer ist verflucht?

»Du hast kein Recht mehr, mit uns zu leben. Ich verfluche dich und alle Deine Nachkommen.« So oder ähnlich kann man den Fluch übersetzen, den Noah über seinen Sohn Ham und seine Kinder, darunter Kanaan, ausspricht. Ham hatte die Hilflosigkeit seines betrunkenen Vaters ausgenützt und sich an ihm vergangen. Seine Brüder haben ihrem Vater von der Untat erzählt, woraufhin Noah Ham und seine Familie verflucht.
Man kann sich jetzt darüber streiten, wie ernst solch ein Fluch gemeint ist und wie wirkungsvoll er wohl gewesen sein mag. Und ob ein Fluch, wenn er ausgesprochen ist, wirklich Unheil über die Menschen bringt. Wir sehen das heute zum Glück etwas nüchterner, aber uns stockt schon ein wenig der Atem, wenn wir von Flüchen hören und möglicherweise mit deren angeblichen Folgen konfrontiert werden. Der Fluch, der Ham gilt, wurde in der Vergangenheit immer wieder zur Rechtfertigung  der Unterdrückung der Afrikaner herangezogen, denn sie galten nach biblischer Überlieferung als die Nachkommen Hams. Mit solch einem Fluch konnte man die Versklavung und Verschiffung der Afrikaner nach Amerika rechtfertigen. Da entwickelt ein Fluch noch einmal eine besondere Dynamik und richtet in der realen Welt Schaden an!.
In der Darstellung von Emil Wachter wird dieser Fluch zur universellen Drohung: »Verschwinde von dieser Erde, du hast dich an ihr vergangen, du hast kein Recht mehr, sie zu nutzen und auf ihr zu leben!« Es ist eine Drohung, die uns allen gilt. Die Ausbeutung der Erde ist ja das große Thema am Noah-Turm und unser ausbeuterische Umgang mit der Schöpfung wird vor
Augen geführt. Gilt dieser Fluch uns? Ist er für uns wirksam? Sind wir schon verflucht? Vielleicht ist es besser, von einer Mahnung zu sprechen als von einem Fluch. Ein Fluch ist endgültig, eine Mahnung lässt uns noch Handlungsspielraum zur Veränderung. Wenn du so weitermachst, wirst du von der Erde vertrieben!
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Der neue Mensch

Am Johannes-Turm der Autobahnkirche wiederholt sich ein Motiv, das wir vom Noah-Turm schon kennen: Eva und Adam stehen unschuldig im Paradies, allerdings auch wieder unter einem Baum. Es ist die Illusion vom neuen Menschen, vom Neuanfang, die Emil Wachter hier beschwört. Doch die beiden Darstellungen unterscheiden sich kaum. Ob dieser Neuanfang möglich ist, bleibt abzuwarten, ganz realistisch ist er nicht, dazu ähneln sich die beiden Szenen zu sehr. Ist es möglich, dass der paradiesische Mensch entstehen kann, zurück in die Unschuld des Anfangs? Ist dieses Ideal nicht ein Selbstbetrug? Neuanfänge sind nötig, wir brauchen eine Korrektur dessen, was wir bisher getan haben. Korrektur heißt aber, dass man nicht bei Null anfängt, sondern all das, was bisher war, integriert wird. Der neue Mensch, wenn man überhaupt davon reden kann, trägt die Spuren des alten in und an sich. Der alte Mensch verschwindet nicht, er bildet das Material, für den neuen, Wir werden uns selbst nicht los. Wenn es dann im neuen Paradies auch noch Bäume gibt, dann bleibt ebenso die Versuchung bestehen, die werden wir nicht los. Im Gegenteil, es besteht so die Gefahr, dass alles von vorne anfängt, ein ewiger Kreislauf von Neuschöpfung und Schuldig-werden. Dann bleibt letzten Endes alles beim Alten, Fortschritt findet nicht wirklich statt. 
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