Hin- und hergerissen

Wofür soll man sich entscheiden, wenn von verschiedenen Seiten an einem gezogen wird? Manchmal ist die Entscheidung einfach und klar, weil wir klare Kriterien haben. Aber was ist, wenn wir zwischen Pest und Cholera wählen müssen und sich eine gute Lösung überhaupt nicht anbietet?
In dieser Darstellung an der Autobahnkirche erleben wir Abraham, der sich zwischen dem Anspruch Gottes nach unbedingtem Gehorsam und seinen Gefühlen als Vater entscheiden muss. Sein Gesicht ist ratlos, seine Hände zeigen die Zerrissenheit, in der er sich befindet.
Die Erzählung, in der ihn Gott auffordert, seinen einzigen und langersehnten Sohn zu opfern, wird of dazu hergenommen, um zu beschreiben, dass die Ansprüche, die Gott an uns Menschen stellt auf jeden Fall höher einzuordnen sind als die, die wir Menschen aneinander stellen. Aber diese Entscheidung ist perfide, denn sie bringt uns in unlösbare Konflikte. Aus heutiger Sicht darf Religion keine Ansprüche stellen, die gegen das Leben gerichtet sind. Und das ist gut so! Ja, es muss auch die Frage erlaubt sein, ob Religion und Glaube einen Menschen in diesen Konflikt stürzen dürfen, der alles andere als dem Leben dient.
Abraham wird von Gott gerettet, sein Vertrauen in Gott wurde bestätigt, Gott wollte sein Opfer nicht. Aber es ist allein schon eine untragbare Vorstellung, dass solch eine Entscheidung von Gott (oder seinen selbsternannten Vertreterinnen und Vertretern) eingefordert wird. Menschen sollen nie ins dieses Dilemma kommen müssen. Aufgabe von Religion ist es, Menschen aus der Zerrissenheit herauszuholen und zu einem Leben zu verhelfen, das ganzheitlich ist und dem Glück dient. Auf keinen Fall dürfen sie Menschen ins Unglück stürzen. Selbst wenn es um wichtige Glaubensfragen geht, muss die Frage erlaubt sein, ob sie dem Leben oder den Menschen dienen. Daran müssen sich Religionen messen lassen!
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Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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