Rasender Stillstand

An der Rückseite des Noah-Turmes sehen wir ein einzelnes Auto. Es sieht so aus, als sei es in voller Fahrt, aber auf dem Stein im Moment erstarrt, es steht still. Kaum ein anderes Symbol für unser Mobilitätszeitalter ist so sprechend wie das Automobil. Schon 1978, als Emil Wachter den Noah-Turm schuf, kritisierte er unser Verhältnis zum Auto. Es ist verantwortlich für die neue Sintflut. Nicht mehr das Wasser bedroht die Erde und alles Leben darauf, sondern der Verkehr und die moderne Technik, die durch die individuelle Mobilität ausgelöst wurde. Emil Wachter hat das schon 1978 erkannt, als nur ein Bruchteil der Fahrzeuge von heute auf den Straßen unterwegs waren. Sie überfluten die Erde. Längst ist die Automobilbranche zu einer weltweiten Schlüsseltechnologie geworden.
Die Entwicklung schreitet immer schneller voran. Autos werden immer größer und schwerer, der Vorteil, den sie in der Sparsamkeit erreichen wird durch ihre Größe und Gewicht wieder wettgemacht. Es ist zwar die Verheißung einer immer größeren Mobilität, aber die meiste Zeit steht ein Auto am Straßenrand, in der Garage oder schlimmstenfalls im Stau. Aus dem Versprechen einer unbegrenzten Bewegungsfreiheit ist eine Wirklichkeit des Stillstandes geworden. Auch wenn die Motoren stärker werden, gewinnen wir nicht mehr Bewegung oder Freiheiut. Es ist die schiere Masse, die unseren Fortbewegungsdrang hemmt. Die Blechlawine, die neue Sintflut, zerstört die Errungenschaften, die wir bisher angeblich erreicht haben. Ein Stückweit hat sich auch der Sponti-Spruch bewahrheitet: »Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten!« 
Je mehr Verkehr umso größer die Gefahr, dass sich alles staut, dass der Pegel steigt, bis alles in der Flut untergeht. Die Bedrohung ist weltweit spürbar, aber eine richtiges Gegenmittel ist noch nicht gefunden. Bei der Sintflut hatte Gott Noah aufgefordert, eine Arche zu bauen, um dem Leben eine Chance zu geben. Wo ist diese Aufforderung heute? Wo ist der Gerechte, der diesen Auftrag erhalten könnte? Und woist die Arche für unsere Zeit? Ob das die Lösung ist, dass alles bis auf einen kleinen Rest vernichtet werden muss, ist noch die Frage. Wir treten schon viel zu lange auf der Stelle, wir rasen immer schneller in den Stillstand hinein.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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